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Wechseljahre mit Witz

Gayle Tufts rockt das Tübinger Sparkassen-Carré

Banken sind ja eher Tempel der Nüchternheit, aber am Samstagabend wurde das Kreissparkassen-Carre´doch zu einer Enklave der Extase. „Heiß, heiß, baby“, skandierte der männliche Teil des vollen Saales, und die Frauen sangen klatschend mit: „I’m every woman.“

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WOLFGANG ALBERS

Auf der Bühne steht eine Powerfrau, die mit diesem Whitney-Houston-Cover mühelos den Saal rockt: Gayle Tufts. Das Deutsch-Amerikanische Institut hat sie nach Tübingen geholt, zum wiederholten Male, und dass die Räume in der Karlstraße nicht mehr ausreichen, zeigt auch die Karriere der Amerikanerin, die seit 1991 in Berlin lebt. „Sie wird immer größer als Star“, begrüßt sie Ute Bechdolf, die Direktorin des Institutes.

Gayle Tufts spannte mit Sparkassen-Carré mit Gesang und Kabarett einen weiten Bogen. Bild: Faden Gayle Tufts spannte mit Sparkassen-Carré mit Gesang und Kabarett einen weiten Bogen. Bild: Faden

Das merkt man von den ersten Sekunden des Auftritts an. Zack, ist sie im weißen Trenchcoat und Sonnenbrille auf der Bühne, wirft beides impulsiv fort und legt mühelos ihre Stimme über das Akkordegewitter am Flügel: „Some like ist heiß!“, greift sie Marilyn Monroe auf. Die Empfindungen einer Frau, die in ihrem Fall Liebesschauer, sondern Hitzewallungen sind. „The change“ ist ihr Thema – so geben die Amerikanerinnen, gab Gayle Tufts Mutter den Wechseljahren eine positive Perspektive. „Das letzte Tabu, ein absoluter Konversationskiller!“, trumpft Gayle Tufts auf – und damit natürlich ein Fall fürs Kabarett.

Aber auch ein Thema mit beträchtlicher Fallhöhe: „Ich bin eine Art Mission Impossible. Heute Abend diskutieren wir die Wechseljahre und haben Spaß dabei.“ Aber: Die Fallen allzu flacher Witze, der schnellen, billigen Abräumer beim Publikum lauern ständig. Ein Star bleibt da souverän – und das ist die 53-jährige Kronzeugin des Klimakteriums die gesamten zweieinhalb Stunden ihres Auftritts über, egal, welche Facetten sie aufgreift. Viel Selbstironie bei zehn Fragen zum Selbsttest: „Do you have a Damenbart? What’s my mother doing in the Spiegel? Sind Sie so reizbar, dass sie wirken wie Naomi Campbell auf Anabolika?“

Manch schmerzlicher Abschied, etwa von den High Heels: „Wie soll man gesunde Schuhe finden, die hübsch sind? Pizza oder Knäckebrot mit Hüttenkäse – it’s not the same.“ Da knallt sie die Absätze lieber noch mal als Rhythmus-Maschine zu „Fever“ in den Bühnenboden.

Überhaupt: Trotz und Kampf ist auch ein Gegenmittel. Machos, gesellschaftlichem Jugendwahn, den eigenen zweifelnden Stimmen im Kopf, ja selbst dem Tod schleudert sie ein wütendes „Fuck you“ entgegen, ein entschlossenes „Es reicht.“ Das alles in einer musikalischen Explosion mit ihrem kongenialen Partner am Flügel, Marian Lux.

Der Abend hat eine tolle Dramaturgie des Tempos. Hat Gayle Tufts im einen Moment Bühne und Saal mit ihrer Sing-Stimme gefüllt, schlägt sie im nächsten ruhige Töne an, wenn sie aus ihrem Buch vorliest, von ihren Jugendjahren auf dem College mit seiner verklemmten Nonnen-Pädagogik oder vom Versuch, die Asche ihrer Mutter im Sturm zu verstreuen.

Und dann merkt man wieder, dass sie Kolumnistin für führende Blätter war, an ihren genauen Beobachtungen. Etwa im Dialog mit Amerikannerinnen im Publikum. Wie lang die schon hier sind, spürt sie schon an der Phonzahl der Anwort: „Wir Amerikanerinnen sind laut, wir sind hoch.“ Und kreischt auf Texanisch.

Es war ein vergnüglicher Abend, in dem dank des unbekümmerten Sprachenmixes von Gayle Tufts auch jede Menge amerikanischer Redeweisen zu genießen waren. Und für Tübingen fiel neben mildem Spott („So, gehen Sie jetzt in die wilde Tübinger Nacht – Hey, das war jetzt der Brüller des Abends“) auch ein nettes Kompliment ab: „Tübingen – that’s the Manhattan of Deutschland.“

25.02.2013 - 08:00 Uhr | geändert: 25.02.2013 - 08:21 Uhr

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