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Baum, Mensch, Wandschoner

G.W. Feuchter, Anne Rathwallner und fünf Tresorkünstler in Tübinger Galerien

Serge Le Goff bespielt den Tresorraum des Kunstamts nicht nur selbst, er gibt auch anderen Künstlern die Möglichkeit, diesen einzigartigen Ort zu nutzen. Voraussetzung: Irgendwas mit Elektronik – das diesen kalten, fensterlosen, Bunker-artigen Kellerraum zum Leben erwecken soll.

 
Der Mensch als Zeichen, seriell an der Wand und auf der Bahre Bild: Feuchter Der Mensch als Zeichen, seriell an der Wand und auf der Bahre Bild: Feuchter

Die fünf Künstler der momentanen Ausstellung bürsten ihn gegen seinen kalten Betonstrich, wandeln ihn zu einer geisterhaft beseelten, naturvirtuellen Baum- und Naturlandschaft, die den Besucher vollkommen umfängt, alle Sinne werden angesprochen. Die bewegenden Lichtinstallationen der Multimediakünstlerin Miriam Wendlik assoziieren pflanzliche Muster, Zellgeschehen, das nie endende Werden und Vergehen. Andreas Martins doppelbelichtete Baumgeisterfotografien mit ihrer Spiegelbildlichkeit und gelegentlicher Colorierung wandeln die Bäume zu (über)menschengleichen Naturgöttern. Bühnenbildnerin Radja von Viebahn hat einen Lebensbaum gebaut, der metaphorisch gesehen oben das Firmament trägt und seine Wurzeln dort hat, wo die Welt im Innersten zusammenhält. Lässt man das Metaphorische mal weg, ist er immer noch schön echt, mit rauer Rinde, Pilzen drumrum, ja sogar einer kleinen Schlange. Klanginstallateur Martin Lindemann hat alles mit Sound unterlegt, an Unterwasser-Wallaute erinnernd, orgiastisch stöhnend, knarzend, summend, pfeifend zirpend, mal mehr tiefenweltlich und mal mehr umweltlich. Inmitten all dessen erklingen Gedichte und mythologische Texte zu Bäumen, ausgesucht und gesprochen von der Yogalehrerin und Künstlerin Marita Adelung. Der Räucherkerzenduft steigt nicht nur in die Nase sondern sorgt für lichtbrechende Nebelschwaden. Wer in diesem naturreligiösen Zauberwald sitzt, kann, wenn er ganz still ist, dem Erdgeist begegnen, was nicht ganz ungefährlich ist: Es geht die Sage, dass manche, die diesen Ort besuchten, nicht wiederkehrten.pme

Kunstamt, Doblerstraße 21a, heute und morgen 17-19 Uhr, wobei heute um 20 Uhr Carsten Strempel Sitar und Gitarre spielt. Dienstag 4.5. bis Freitag 7.5 18-21 Uhr. Zur virtuellen Raumbegehung geht es hier.

Es wummert, duftet, kreist und tönt Natur-psychedelisch: Ein verzauberter Kunstamt-Tresor, zum ... Es wummert, duftet, kreist und tönt Natur-psychedelisch: Ein verzauberter Kunstamt-Tresor, zum Rundumbild aufgebäumt. Bild: Metz

Schicksalskreislauf heißt eine Wandinstallation Gerhard Walter Feuchters in der derzeitigen Peripherie-Ausstellung „Nach Lage der Dinge“. Darin greift er unter anderem das Rundbild auf, das bereits in der Antike populär war, später in der Renaissance wiederbelebt wurde. Von Rundbild zu Rundbild setzt er etwa zu einer neu ausgeschnittenen Form jeweils das Ausgeschnittene aus dem vorherigen Bild hinzu, bis sich der Kreis schließt. Eine serielle Arbeit, deren Variation also einer genauen Ordnung folgt, einem Regelwerk. Und dem Ensemblegedanken. Keinem hierarchischen, sondern einem gleichberechtigten, selbstgenerativen: Jedes empfängt und gibt ans Nächste weiter. Da wird die Kunst zum zeichenhaften Sinnbild für eine Auffassung von Leben, persönlicher Entwicklung, Gesellschaft, Weltenlauf: So sollte es sein. Dass es nicht durchweg so ist macht die Sache politisch. Und es ist oft nicht so, nicht hier und noch weniger in Petrosavodsk, wo einige Werke dieser Ausstellung 2006 unter dem Titel „Tragweite“ zu sehen waren. Thematisiert wurden die fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen, die fehlende Bereitschaft der Menschen, sich im losgelassenen Kapitalismus gegenseitig zu stützen.

Haben Kunstwerke diese Tragweite? Das schöne an den Arbeiten G.W. Feuchters ist ja gerade, dass sie sich so zurücknehmen, nur Symbol sind, nur Zeichen, nur Papier, nur sich selbst. Aber wie alles, was nur sich selbst ist, siedeln auch Feuchters „Markenzeichen“, seine „Menschwerdung“, sein „Transportgut“ oder sein „Angstmacher“ genau da, wo reine Ästhetik symbolisch umschlägt in noch eine zusätzliche Qualität, einen Mehrwert. Jedenfalls in ihren und unseren besten Momenten. In den schlechten Momenten ist sowieso: alles nichts.pme

Galerie Peripherie, Hechingerstraße 203, noch bis 7. Mai, Donnerstag bis Sonntag von 17 bis 20 Uhr.

Anne Rathwallners Wandschoner im Zimmertheater. Bild: Sommer Anne Rathwallners Wandschoner im Zimmertheater. Bild: Sommer

Die Esslinger Künstlerin Anne Rathwallner verwandelt mit der Schau „Wandschoner als Selbstschoner“ das Tübinger Zimmertheater-Foyer in eine anscheinend gute Stube: karierte Decken, Groschenromane und Wandschoner. Diese Polster schützen die Wand vor Schrammen. Sie zieren Sinnsprüche zur sittlichen Festigung der Hausfrau. Hier lieg der Haken bem Werk der gebürtigen Österreicherin: Erschrecken auf den zweiten Blick. Die akkurat gesetzten Sprüche laufen quer zur biederen Harmonie der gestickten oder gemalten Motive. „Liest man den Titel, entsteht der Bruch“, sagt Kuratorin Katharina Kern vom Atelier bremicker.kern, das mit dem Theater seit Beginn dieser Spielzeit das neue Galerieprojekt betreut.

„Sie saßen beide stumm da und schauten vor sich nieder. Auf diese Weise verging eine ziemlich lange Zeit“, steht unter einem Schoner, der Prinz Charles und Diana zeigt. „Prinzess-Roman“ steht darüber, gleich einem Titelbild eines Groschenromans. Gebrochene Betrachter-Erwartung: „Die Prinzessin-Träume platzen, das Paar sitzt und schweigt“, sagt Kern. Kräftige Farben, 50er- und 60er-Jahre-Ästhetik, auch mal ein dahinter drapiertes Handtuch mit Spitzen: Spießigkeit ist hier auf die Spitze getrieben. Der Widerspruch im (Sub-)Text thematisiert Rollenbilder und Mädchen-Utopien.

Der Mensch als Zeichen, seriell an der Wand und auf der Bahre Bild: Feuchter Der Mensch als Zeichen, seriell an der Wand und auf der Bahre Bild: Feuchter

Neben Romanmotiven verarbeitete die 1947 geborene Künstlerin eigene Familienfotos. „In ihrer Kindheit ging es um das Aufrechterhalten des Scheins“, sagt Kern. Den Abschied des Gatten am Sterbebett der Frau untertitelt Rathwallner mit „Geständnis der letzten Stunde.“ Die Ausstellung hat Raumkonzeptcharakter. So liegen in gehäkelten Etuis Taschentücher bereit, um sich Tränen der Rührung abzutupfen.zie

Zu sehen ist die Schau bis Ende Mai stets eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Auf Nachfrage sind auch außerhalb der Zeit Besuche und Führungen möglich (Telefon: 07071 / 92730).

29.04.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 29.04.2010 - 08:39 Uhr
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