Der Tübinger Marco Wehr ist ein kluger Kopf mit einem imposanten Körper. Wenn er nachdenkt, kommen dabei Bestseller populärwissenschaftliche, bestsellerverdächtige Bücher wie „Der Schmetterlingseffekt“ (über Turbulenzen in der Chaostheorie), „Die Hand – Werkzeug des Geistes“ oder „Welche Farbe hat die Zeit?“ („Wie Kinder uns zum Denken bringen“) dabei heraus.
Anzeige
Wilhelm Triebold
Und schon hat er die Marionette am Faden-Kreuz: Zauber-Eleve Marco Wehr (Mitte) lässt den bedauernswerten Spaziergänger (Poppin Hood) nach seinem Gusto tanzen – in „Voodoo Vibes“ am vergangenen Dienstag im ausverkauften LTT-Saal. Bild: Metz
Tübingen. Wenn Wehr tanzt, dann mit der wilden animalischen Kraft der Tanzstile Afro, Samba und Streetdance, die er auch unter seinem nom de guerre Marco Marçal im Tübinger Studio Danzon vermittelt.
Sven Weller wiederum, neunfacher deutscher und doppelter Weltmeister im Electric Boogaloo, der ebenfalls gelegentlicher Danzon-Dozent ist, hat sich den schönen Künstlernamen Poppin Hood zugelegt. Der Rächer der enterbten Breakdancer ist wahrlich ein Phänomen: Ein geradezu überlenkt gelenkiger Körperartist, der jede Faser und jeden Muskel seines Leibes in zuckende Konvulsionen versetzen kann, dass man seinen Augen kaum mehr traut.
Spielend auf dem Körper-Instrument
Im vergangenen Sommer haben Wehr und Weller im Beiprogramm zu den Ludwigsburger Festspielen ihr ambitioniertes „Magic HipHop Dance Theatre“ namens „Voodoo Vibes“ uraufgeführt, das nun endlich auch vor ausverkauftem Haus in Marco Wehrs Heimatstadt zu sehen war. Die Geschichte ist simpel: Ein Zauberlehrling dilettiert schamanisch vor sich hin, ein Zauber-Maestro deliriert dazu Bela-Lugosi-haft von der Leinwand herab (wunderbar: Udo Zepezauer), und ein harmloses Opfer bekommt die ganze sadistisch-dämonische Wucht und Wut der magischen Spieß-Gesellen zu spüren. Bis sich Flaneur und Zauberschüler gegen den Herrn und Meister zusammentun.
Es ist vor allem die frappierende Körperkunstfertigkeit, die „Voodoo Vibes“ zu einem Ereignis macht. Der unglaubliche Mr. Poppin Hood lässt sich von Zeremonienmeister Marco Wehr wie ein Gummi-Golem beleben und schüttelt sich durch wie ein Breakdance-Androide, auf dessen Muskel-Tastatur und Knochen-Tablatur der entfesselte Zauberkünstler wie auf einem Instrument zu spielen versteht (ansonsten trommelt er gerne). Als ein lustvoll-gehässiger Quälgeist Puck lässt er dann auch noch den entseelten Vortänzer den Esel geben, fast wie in Zettels argem (Sommernachts-)Traum. Ja, und sogar eine ganze Musicbox steckt in diesem Teufelskerl Poppin Hood.
Das ist selbstironisch witzig, zu illustrativem Elektro-Blubbersound. Comic-Dance. Sogar das Mienenspiel wird eigens zum Tanzen gebracht, bis man beinahe um die Unversehrtheit der jeweiligen Gesichtszüge fürchten muss. Vielleicht setzt der Abend eine Spur zu sehr auf Effekte statt auf choreographische Zusammenhänge. Und doch: Eine ganz starke Nummer. Nach der man sich eigentlich nur wünscht, dass Marco Wehr, Tübingens Ismael Ivo, nicht nur denkt und unterrichtend lenkt, sondern baldmöglichst ein Nachfolgestück stemmt. Warum nicht mal mit städtischer Projektmittel-Unterstützung? Gute Leute vor Ort sollte die lokale Kulturpolitik allemal fördern und stützen.