Eine neue Fassung von Shakespeares „The Tempest“ hat in Melchingen Premiere
Nach „Herzattacken“ und „Viel Lärm um nichts“ ist’s der dritte Shakespeare am Lindenhof. „Der Sturm“ – deutsche Uraufführung war übrigens 1761 im Ländle, in Biberach – bläst allerdings sehr aufgefrischt, wie bei einem Kurzbesuch des Produktionsduos Albrecht Hirche / Kathrin Krumbein im TAGBLATT klar wurde.
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Peter Ertle
Kathrin Krumbein (Textfassung) und Albrecht Hirche (Regie) an einem probenfreien, windstillen Vormittag.Bild: Metz
Melchingen. Er ist gewöhnlich an größeren Häusern zugange, an der Berliner Volksbühne, dem Maxim Gorki Theater, dem Staatsschauspiel Hannover. Für den Lindenhof hat er schon einmal den „Volpone“ im Gomaringer Schlosshof inszeniert. Aber wer sich so was von Shakspeares „Sturm“ erwarte, der sei sicher enttäuscht, meint der Berliner Regisseur Albrecht Hirche. Na ja, „Der Sturm“ ist ja auch kein Lustspiel.
Ein eigener, neuer „Sturm“ sollte es werden, erzählt der stellvertretende Intendant Stefan Hallmayer, er sollte etwas mit dem hier und heute und mit dem Lindenhof zu tun haben. So gaben die Melchinger eine eigene Fassung in Auftrag, bei Kathrin Krumbein. Was insofern naheliegend ist, als die Theaterfrau und vielfache Ausstatterin deutscher Bühnen bevorzugte Mitarbeiterin von Regisseur Albrecht Hirche ist. So bleibt nun alles in der Familie – auch die Kinder waren beim kurzen Gespräch im TAGBLATT dabei und saßen, in ihre Bücher vertieft, artig in der Ecke – von der Stückfassung bis zu sämtlichen Inszenierungsaspekten, wirklich sehr radikal: Hirche ist nicht nur Regisseur, er ist auch für Bühne und Kostüme zuständig. Der Hirche/Krumbein-Sturm reduziert Shakespeares großes Dramenpersonal auf neun Figuren. Das gehorcht einerseits der Melchinger Ensemblegröße, ist andererseits Konzept. Erreicht wird das durch verschiedentliche Zusammenziehung zweier Figuren zu einer. Aus Ariel und Kaliban wird etwa Aliban. Prospero ist eine Frau . . .
Hören wir mal hinein in die Story, wie Hirche und Krumbein sie skizzieren: Ein erfolgreiches Architektenpaar, er drängt sie beruflich an den Rand, es kommt zur Scheidung, sie muss psychiatrisiert werden, die Tochter wird magersüchtig. . . Was hat diese Tatort-taugliche story mit Shakespeares „Sturm“ zu tun? Viel, meinen Hirche und Krumbein, es gehe ja um Machtgefüge, die Beziehungen zwischen den Menschen. Wo sind heute solche Konstellationen anzutreffen? Bei den Royals sicher auch, aber wen interessieren die, die sind weit weg. Das Architektenpaar ist unter uns. Und es ist, sagt Kathrin Krumbein, ja auch nur eine Ebene. Das Ambiente sei barock, manche Passagen würden – mit Übersetzung – englisch gesprochen, es gäbe Originallieder aus Shakespeares Zeit, kurz: Alles sei im Schwebezustand zwischen gestern und heute, hier und dort, Shakespeare und Melchingen, möglicherweise sei nicht immer klar, wo man sich gerade befinde. Das sei ja das Schöne, dass Theater so was könne.
Bei der Besetzung hatte der Regisseur manch hübsche Idee, die dann doch nicht realisiert wurde. Zum Beispiel hätte er gern Uwe Zellmer auf der Bühne gehabt. Dietlinde Ellsässer, lange eingeplant, sagte irgendwann ab. Nun spielt ein Gast mit, der auch schon im Melchinger Auswärtsstück „Kommen und Gehen“ in Friedrichshafen dabei war: Silke Buchholz. Und Oliver Moumouris, ein Hirche-Liebling, den der Regisseur schon mal für eine Inszenierung ans Staatsschauspiel Hannover holte, durfte sich seine Rolle praktisch aussuchen.
Aber das sind vielleicht Interna, wie auch der Sachverhalt, dass der Bühnenboden, die stark duftenden Gummi-Industrieböden, die Hirche wegen des Kontrasts zu den warmen Holztönen der Scheuer favorisierte, inzwischen eine geruchsneutralisierende Kaffeekur hinter sich haben – um den Fortgang der Proben zu garantieren. „Zurückhaltend, nicht einfach, aber, wenn’s funktioniert: mit Sogwirkung.“ So charakterisiert Hirche seinen Sturm. Dauer: 1.45 vor der Pause, 40 Minuten nach der Pause.
Info: Premiere am morgigen Freitag um 20 Uhr, nächste Termine: 5.2., 19. Uhr, 8.2., 9.2.,10.2., 11.2., 15.2., 17.2., 18.2., jeweils 20 Uhr.
So bläst der „Sturm“
Prospero, bei Shakespeare ein kultivierter Herrscher ohne Interesse an Politik und deshalb Opfer einer Palastintrige seines Bruders, ist in der Überarbeitung von Hirche/Krumbein für das Theater Lindenhof mit einer Schauspielerin besetzt. Die von ihr gespielte Frau bekleidet einen gesellschaftlich hohen Rang. Sie ist etabliert, beruflich erfolgreich, verheiratet, hat eine Tochter. Wie labil Status und Tragfähigkeit ihrer Beziehungen sind, wird klar, als sie sich demontiert in der Isolation wiederfindet – ausgebootet vom eigenen Mann, ihrem Geschäftspartner – und erkennen muss, dass Liebesversprechen und Loyalitätsabkommen Marktgesetzen unterworfen sind. Im Streben um Satisfaktion stellt sie das Modell der romantischen Liebe auf den Prüfstand. . .