Ein deutsch-russischer Schiller aus Petrosawodsk in Tübingen
Soeben hat Ralf Siebelt in Petrosawodsk Schillers „Kabale und Liebe“ inszeniert. Ende des Monats gastiert das Stück drei Mal am LTT. Der Theateraustausch zwischen Petrosawodsk und Tübingen erreicht eine neue Stufe.
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Peter Ertle
So sieht Schillers „Kabale und Liebe“ am karelischen Nationaltheater aus. Bild: LTT
Tübingen. „Wanderlust“ heißt das Bühnen-Austauschprojekt, das die Bundeskulturstiftung mit insgesamt 2 Millionen Euro für insgesamt 13 Theater (aus Baden-Württemberg sind Freiburg, Heidelberg, Mannheim und Stuttgart darunter) fördert. Auch das LTT und dessen unter dem Titel „Drushba“ laufender Austausch mit dem karelischen Staatstheater in Petrosawodsk durfte davon profitieren. Schließlich ist mit Hausregisseur Ralf Siebelt ein ausgewiesener Russland-Kenner am Haus, der unter anderem in Moskau Theater studiert und vor „Wanderlust“ bereits den Kaukasischen Kreidekreis in Petrosawodsk inszeniert hat.
Zu Spielzeitbeginn hatte zudem am LTT unter der Regie Sergej Pronins Alexander Vampilovs „Am Stadtrand“ Premiere. Ein Stück, das in seiner naiv-verschmitzt-herzerwärmenden Art aus der an deutschen Theatern üblichen Ästhetik herausfällt und sich bislang als Publikumsrenner erwiesen hat.
Wie sich „Kabale und Liebe“ am karelischen Nationaltheater schlagen wird, bleibt abzuwarten. Im Januar brachen Ralf Siebelt und Bühnenbildner Max Julian Otto wieder nach Petrosawodsk auf, diesmal, um dort Schiller zu inszenieren. Eine moderne Inszenierung, in der manche der Figuren genauso aussahen wie manche Zuschauer – was für die denn schon gewöhnungsbedürftig war. Trotzdem kam die Sache gut an, Simone Sterr, die zur Premiere hinfuhr, sah einen Mix aus deutscher Klarheit und karelischer Schauspielleidenschaft.
Nun steht die nächste Stufe der westöstlichen Theaterbegegnung bevor. Denn, „Wanderlust“ machts möglich, bald ist die „Kabale und Liebe“-Inszenierung am LTT zu sehen, danach fährt die Tübinger „Stadtrand“-Crew zu einem Gastspielblock nach Petrosawodsk.
Über Kosten und Logistisk wurde lange gegrübelt, was schließlich zu einer absolut erstaunlichen Entscheidung führte: Weil es zu aufwändig wäre, dass die Tübinger ihr Bühnenbild nach Petrosawodsk und die Petrosawodsker ihr Bühnenbild nach Tübingen transportieren, haben die Tübinger das Petrosawodsker Bühnenbild und die Petrosawodsker das Tübinger Bühnenbild getreu nachgebaut.
Und das für nur drei Vorstellungen in Tübingen. „Vielleicht will es ja mal jemand als Bühnenbild für ein anderes Stück verwenden“, sinniert die Intendantin über einen eher unwahrscheinlichen Fall, „oder wir stellen es als bleibende Einrichtung im Foyer auf“. Auch ungewöhnlich ist die Entscheidung, wie das ja auf Russisch gespielte Stück für die Tübinger Zuschauer übersetzt werden soll. Nämlich nicht über vom Geschehen ablenkende Unter-(im Theater ja meist Über-)Titel, sondern über Kopfhörer, wie bei internationalen Kongressen üblich.
Aber verpasst man so nicht die russische Sprache? Jeder könne sich da ein- oder ausstöpseln wie er wolle, meinen Sterr und Siebelt, und vielleicht muss man halt einen Tod sterben. Den versuchen sie so komfortabel wie möglich zu machen. Sicher ist es auch ein technischer Testlauf für die Krönung der Drushba, die zu Beginn der nächsten Spielzeit ins Haus steht: Dann soll Shakespeares „Romeo und Julia“ zusammen mit dem karelischen Partnertheater, also im gemischten Ensemble dreisprachig (deutsch, russisch, finnisch) inszeniert werden.
Info
Kabale und Liebe, gespielt vom karelischen Nationaltheater in Petrosawodsk, inszeniert von LTT-Hausregisseur Ralf Siebelt, Bühnenbild: Max Julian Otto, am 26., 27. und 28. März um 20 Uhr im großen Saal des Landestheaters, in russischer Sprache, geplantes Übersetzungsangebot via Kopfhörer.