Vor zwei Wochen erlebte die Motettengemeinde den Kirchenmusik-Studenten Friedemann Becker bei seiner Orchesterleitungsprüfung. Am Mittwoch legte er mit Beethovens Drittem Klavierkonzert in der vollbesetzten Musikschul-Aula sein Examenskonzert ab. Begleitet wurde er vom Jugendsinfonieorchester der Musikschule – eine ganz besondere Kooperation.
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Achim Stricker
Rent a Dirigent samt Orchester: Das gab’s noch nie in Tübingen, dass ein Kirchenmusik-Prüfling gleich einen riesigen Klangkörper (nämlich das Jugendsinfoniorchester der Tübinger Musikschule) hinter sich weiß. Archivbild
Tübingen/Reutlingen. Den Kirchenmusikeralltag kennt Friedemann Becker schon von klein auf: Sein Vater Eberhard Becker ist Bezirkskantor an der Reutlinger Marienkirche. 1978 in Crailsheim geboren, wuchs Friedemann Becker in Reutlingen auf, hatte seinen ersten Klavierunterricht bei Ilse Winkler. Nach dem Abitur wurde er der Kirchenmusik erst einmal untreu, entschied sich für ein Informatikstudium in Tübingen. Aber nach ein paar Semestern ahnte er, dass man nach einem Achtstunden-Arbeitstag feierabends kaum noch genug Zeit und Energie für regelmäßiges Musizieren haben würde. So holte ihn die Kirchenmusik doch wieder ein.
Rent a Dirigent samt Orchester: Das gab’s noch nie in Tübingen, dass ein Kirchenmusik-Prüfling gleich einen riesigen Klangkörper (nämlich das Jugendsinfoniorchester der Tübinger Musikschule) hinter sich weiß. Archivbild
Seit 2005 studiert Becker an der Tübinger Kirchenmusik-Hochschule im Aufbaustudiengang, leitet nebenbei die Liedertafel Concordia Reutlingen und ist bereits seit zwei Jahren Kantor und Organist in Pfrondorf. Zum diplomierten „A-Kirchenmusiker“ fehlen noch ein paar Prüfungen: Chorleitung und Orgelimprovisation etwa. Den Abschluss macht im September die 75-minütige Orgelprüfung. Bei der Klavierprüfung am Mittwoch wurde „nur“ eine Stunde Programm verlangt: 30 Minuten solo und 30 Minuten gemeinsames Musizieren. Dabei dachte die Prüfungsordnung an klein besetzte Kammermusik. Die meisten Prüflinge decken das mit Liedbegleitung oder einer Sonate für Violine und Klavier ab. Im Grund geht es schlicht darum, soziale Kompetenzen im Zusammenspiel nachzuweisen. Andere Optionen scheitern in der Regel ganz einfach an den Gegebenheiten.
Die Kirchenmusikhochschule hat kein eigenes Orchester. Ein Ensemble einzukaufen wäre recht kostspielig, von Amateurorchestern kann man auch nicht gerade verlangen, dass sie wochenlang für einen guten Prüfungszweck proben.
Was aber tut man, wenn man gern Beethovens c-moll-Konzert spielen möchte und dafür halt mal rund 55 Musiker braucht? Friedemann Becker hatte großes Glück und stieß mit seinem Wunsch auf eine ganze Reihe kooperationsbereiter Menschen. Musikschulleiterin Annette Tinius-Elze sagte sofort ihre Unterstützung zu und vermittelte den Kontakt zu Ulrich Kern, dem Leiter des schuleigenen Jugendsinfonieorchesters.
Zufälligerweise probt das „Sinfo“ derzeit ebenfalls Beethoven, nämlich die Neunte Symphonie, die im Juni zusammen mit drei Chören aus Tübingens Partnerstadt Aix-en-Provence aufgeführt werden soll. Die jugendlichen Musiker(innen) waren sofort bereit, für das Examen Sonderproben einzuschieben.
Es ist das erste Mal in der Geschichte der Kirchenmusikhochschule, dass in einer Klavierprüfung ein Konzert mit Orchester gespielt wird. Es scheint ein außergewöhnlich begabter und engagierter Jahrgang zu sein: Poulencs Orgelkonzert, das Becker zusammen mit den anderen Prüflingen Tanja Luthner und Ralf Löwe in der Motette aufgeführt hatte, war das mit Abstand schwerste Stück, das je bei einer Prüfung der Hochschule dirigiert wurde.
Schon aus Platzgründen wurde die Klavierprüfung am Mittwoch in die Aula der Musikschule verlegt. Eine weise Entscheidung: Der Saal platzt aus allen Nähten. Unter die Zuhörer hat sich die Prüfungskommission gemischt: Klavier-Professor Martin Smith, Chorleitungsprofessorin Johanna Irmscher und Orgel-Professor Gero Soergel.
Die Prüfungsstücke sollen mindestens drei verschiedene Stilepochen abdecken, eins davon muss auswendig gespielt werden. Im Barock hat sich Becker in Absprache mit Smith für Bachs Französische Ouvertüre h-moll BWV 831 entschieden. Eins der Prüfungsstücke bekommt der Kandidat zwölf Wochen vor der Prüfung und muss es sich selbst erarbeiten, in diesem Fall ist es Brahms' Intermezzo A-Dur op. 118/2.
Noch bevor Becker überhaupt einen einzigen Ton des Beethoven-Konzerts spielt, hat er mit seinem Solo-Programm bereits alle Erwartungen und Anforderungen bei weitem übertroffen: „Une barque sur l'océan“ und „La vallée des cloches“ aus Ravels technisch und gestalterisch anspruchsvollem Klavierzyklus „Miroirs“ („Spiegelbilder“) sprengen das verlangte Niveau schon haushoch. Der Richtwert für das Hauptwerk wäre eine mittelschwere Beethoven-Sonate. Kopfschüttelndes Erstaunen bei den Zuhörern, kollegialer Beifallsjubel von Musikschülern, bei der Prüfungskommission.
Und dann der Beethoven. Das Jugendsinfonieorchester (Konzertmeisterin: Nina Meinhof) passt sich exakt Beckers Tempi an, trägt seine Dynamik mit, führte seine Farbgebung fort. Ulrich Kern vermittelt umsichtig zwischen Klavier und Orchester. Gleich der Einstieg ist für den Pianisten recht gemein: Beethovens lässt ihn im vollen Lauf in den offenen Satz hineinstürmen. Das muss sitzen, jeder falsche Ton fällt sofort auf. Becker wirkt kein bisschen nervös, scheint sich eher zu freuen, dass er gut was zu tun und dabei ein so verlässliches Orchester an seiner Seite hat.
Vor seiner Solo-Kadenz krempelt Becker schnell noch die Ärmel hoch, dann kann's losgehen. Ein liedhaft singender Zweiter Satz, ein quecksilbriges Finale. Publikum und Prüfungskommission sind schwer beeindruckt.
Im Alltag eines Kirchenmusikers wird zu solchen pianistischen Höchstleistungen vermutlich selten Gelegenheit sein. Becker geht es gelassen an: „Es muss ja nicht immer Orgel sein. Man kann in der Gemeinde ja auch mal einen Klavierabend geben.“