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Gott und Gender

Dionysos mit Myrzak und Pletner im Tonne-Monospektakel

Reutlingen. Das Publikum verteilt der Regisseur strikt nach Geschlecht auf zwei Tribünen, getrennt von einem sparsamen Bühnenbild, das aus einem Laufsteg aus leeren Bierkisten besteht. In den letzten Jahren hat Euripides‘ „Die Bakchen“ als gesellschaftspolitische Zeitdiagnose eine Renaissance auf den europäischen Theaterbühnen erlebt.

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Der Wahn nimmt seinen Lauf: Ilja Pletner als Dionysos.Bild: Tonne Der Wahn nimmt seinen Lauf: Ilja Pletner als Dionysos.Bild: Tonne

Oleg Myrzak macht den Anschein, mit seiner Version, die den einfachen Titel „Dionysos“ trägt und am Donnerstagabend im Rahmen des Monospektakels der Tonne im Spitalhof uraufgeführt wurde, Gender-Fragen an das Schauer-Stück stellen zu wollen. Vielleicht möchte er das ohnehin schon verwirrte Publikum aber auch nur in die Irre führen.

Fest steht zunächst nur, dass die Frauen deutlich in der Überzahl sind (31 zu 16) und der Regisseur schon Fragen stellt, ehe das Stück überhaupt begonnen hat. Zum Beobachtungsspiel des Verhaltens des anderen Geschlechts im Theatersaal soll es jedenfalls nicht werden: Myrzaks Inszenierung kommt ohne Beleuchtung aus. Nur wenige kleine Lämpchen am Hut des Darstellers, in dessen Händen und in den Bierkisten genügen. In den meisten Szenen sieht man nur sein Gesicht, was die düstere Stimmung des schaurigen Spiels mit einfachen Mitteln untermalt.

Dionysos ist in Menschengestalt in seine Geburtsstadt Theben zurückgekehrt, um die Bewohner und ihren König Pentheus zu bestrafen, weil sie ihn nicht als Gott anerkennen wollen. So ködert er alle Frauen der Stadt, die Bakchen, mit seinem Kult und versetzt sie in einen Wahn. In einem animalischen Gelage, in dem Fleisch roh gegessen und Wein in Unmengen getrunken wird, will er Schrecken in die gottlose Ordnung bringen.

Ein grausamer Stoff – und Myrzak lässt das Stück heiter beginnen. Dionysos (Ilja Pletner) betritt mit Mandoline die Bühne und stimmt mit holprigem Versmaß und Schlag in der Stimme ein Trinklied an: „Wenn der Saft rinnet der Trauben . . .“

Dann erst nimmt der Wahn seinen Lauf: Pletner redet sich in Rage, spricht Monologe ohne abzusetzen und kommt dabei selbst aus der Puste. Die von Rausch, Grausamkeit und Zorn geleiteten Szenen untermalt der Regisseur mit pathetischer Musik, welche die Stimme Pletners bisweilen übertönt. Ohnehin fällt es schwer, der gestutzten und auf Dionysos als einzigen Darsteller reduzierten Handlung zu folgen. Die Regie konzentriert sich auf das furiose Agieren zwischen blindem Rausch, Heiterkeit und Vernunft. Nach Pentheus‘ grausamem Tod ergibt sich Dionysos als Gott zu erkennen, steigt schließlich von seinem aus Bierkisten selbst errichteten Thron und kauert in der Schlussszene in Selbstreflexion verfallen auf dem Boden.

Myrzak macht nicht deutlich, welches Geschlecht Dionysos‘ bevorzugte Gefolgschaft ist. Der Gott des Weines und des Rausches bietet Frauen und Männern im Publikum sein Getränk an („ja, ja, einfach trinken! Ich gieß‘ euch nach“), und Frauen wie Männer greifen gerne zu: Myrzak vergegenwärtigt weniger die unterschiedlich ausgeprägte Neigung der Geschlechter zur Hochkultur als deren gleichwertigen Hang zur Ausgelassenheit.

Nach nur 45 Minuten ist der Spuk vorbei. Dionysos packt die Mandoline wieder aus und stimmt erneut sein Trinklied an. Der blinde Rausch ist wie vom Erdboden verbannt, auf seinem kurz zuvor noch vom Wahn verzerrtem Gesicht zeichnet sich wieder ein freundliches Lächeln ab. Obsiegt am Ende doch die Heiterkeit? „Dionysos“ hinterlässt ein von Pletners furiosem Spiel beeindrucktes und von Myrzaks Fragen verwirrtes Publikum.Moritz Siebert

Info: Im Tonne-Monospektakel ist heute noch die Hommage „Ich, Heinz Erhardt“ mit Murat Yeginer zu sehen (20 Uhr, Planie 22), morgen folgt als Abschluss der Insektenkrimi „Die Wanze“ für alle ab neun Jahren mit Burghard Braun (18 Uhr, Spitalhof).

04.02.2012 - 08:30 Uhr

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