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Früchte des goldenen Spätherbsts

Dieter Thomas Kuhn und das Glück der alten Songs

Im kommenden Jahr gibt es sie mit Unterbrechungen 20 Jahre, die Schlagerkunstfigur Dieter Thomas Kuhn. Gelegentlich streift die gleichnamige Person dahinter Glitzeranzug, Brusttoupet und Föhnwelle ab, um dann als Tom Chicken mal wieder echte Gefühle zu zeigen.

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Wilhelm Triebold

Chicken, das ist Dieter Thomas Kuhns Spitzname, seit ein Deutschlehrer unbedingt Scherze unter Niveau mit ihm treiben mochte („Kuhn – klingt ja wie Huhn!“). In Tom Chicken verwandelt sich der demnächst 48-jährige Dieter Thomas Kuhn nun aber auch jetzt wieder – offenbar, um den geruhsamen Spätherbst einer eindrucksvollen Karriere mit wehmütigen „Late Autumn Recordings“ einzuleiten.

Where does the Chicken play? Das Cover der neuen CD. Where does the Chicken play? Das Cover der neuen CD.

Dazu muss man ein bisschen ausholen. In seligen Jugendtagen sang Kuhn in Schülerbands wie Westwind und Running Oeuf. An seiner Seite damals bereits Gitarrist Philipp Feldtkeller, der spätere „Howie“ mit der unbändigen Frontal-Tolle. Als 1993 dann das Kunstprodukt DTK entstand, traten Chickens musikalische Wurzeln aber erst einmal bescheiden in den Hintergrund.

Das richtige Schuhwerk für gelegentliche Ausflüge ins Country-Folk-Gelände hat Dieter Thomas Kuhn ... Das richtige Schuhwerk für gelegentliche Ausflüge ins Country-Folk-Gelände hat Dieter Thomas Kuhn ja meistens dabei. Zum Beispiel hier, im vergangenen Jahr beim Landesliga-Kick zwischen seiner Heimmannschaft TSG Tübingen und dem TSV Hildrizhausen. Archivbild: Ulmer

Angetreten „zum Zwecke der Bühnendarbietung von Schlagermusik der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts“, wie ein Lexikon-Fake im Katalog zur Kuhn-Retrospektive des Stadtmuseums vor zwölf Jahren pseudoakademisch postulierte, durften Kuhn und Co. als „typisches Phänomen der Postmoderne im ausgehenden 20. Jahrhundert“ gelten, bei dem „die Kopie das Original in Wucht und Wirkung weit übertrifft.“ So feierten sie sechs Jahre lang Triumphe.

750 000 verkaufte Tonträger, eine Million Fans bei den Konzerten: Danach ließen Dieter Thomas Kuhn, Howie und die anderen sich demonstrativ das Haupthaar scheren. Und wurden – einige von ihnen zumindest – zu „Tom Chicken & Die Wurmlinger Kapelle“. Das war im Jahr 2000.

Damit waren sie wieder ganz bei sich. Bei Neil Young und all den anderen schönen Songs, die weniger Spaßfaktor, aber auch weniger unechtes Gefühl versprachen. Dabei ist die große Leistung des Schlager-Interpreten Kuhn immer gewesen, das tief im Repertoire verhaftete Unwahrhaftige (um das böse Wort Verlogenheit zu vermeiden) aufzubrechen und in ein heiteres, augenzwinkerndes Miteinander zu verwandeln. Das kam wiederum ehrlich und von Herzen, mit Sonnenblume und Juxperücke – und jeder Menge guter Laune.

Tom Chicken aber sang damals nur einen Sommer. Ein weiterer Imagewechsel (zum todernsten Solo-„Kuhn“) misslang, und bald hatten die Fun-Fans ihren glitzernden Rampenstar wieder. Die Erfolgsstory ging somit weiter, und sie hält bis heute an. Nächstes Jahr, wie gesagt, ist Dienstjubiläum: 20 Jahre DTK.

Doch jetzt verschafft sich Tom Chicken wieder Gehör. Er will‘s nochmal wissen. „35 Jahre wurde dieser Gedanke insgeheim von Tom Chicken im Herzen getragen“, vermeldet das Management. „Mitmusiker weigerten sich, diese Songs mit ihm zu spielen. Dabei war er sich sicher, dass diese Lieder nicht nur ihn berührten. Zu melancholisch, zu schwer, zu unmodern, sagten sie. Tom Chicken hörte nicht auf, daran zu glauben. . .“ Nun ist es so weit. „Tom Chicken & The Big Balls“ haben die guten alten Sachen von Jim Croce (vor allem von ihm), von America, Neil Young, Brad Paisley, Cat Stevens oder den Eagles wieder ausgegraben.

Von den alten Kameraden sind mit Philipp Feldtkeller und Rudie Blazer (Gitarre, Mandoline und Mundharmonika) zwei Johnny-Cash-Kämpen wieder dabei, außerdem Joscha Glass am Kontrabass, Johannes Kissling (Hammondorgel) und Winfried Wohlbold (Pedabro, eine zitherähnliche Steel Guitar). Ein Song schöner als der andere. „Where do the Children play“: The Artist formerly known as Cat Stevens kann einpacken. Und in „Ventura Highway“ lässt the other Artist formerly known as Howie seine Gitarre fast so einfühlsam wimmern wie sonst nur in „Und es war Sommer“.

Mitte Januar gehen Dieter Thomas Kuhn und Band übrigens wieder auf Tour, zuerst mal durch die Clubszene von Neu-Isenburg bis Mannheim. Im Juni und Juli folgt die Open-Air-Tournee mit dem Programm „Hier das Leben“: 27 Termine, am nächsten an Tübingen sind sie am 13. Juli (Rottweil) und am 26. und 27. Juli (auf dem Stuttgarter Killesberg).

Tom Chicken wird dann auf seine nächste Gelegenheit warten. Jetzt vor Weihnachten hofft er natürlich, mit seinen Liedern unter dem einen oder anderen Weihnachtsbaum zu landen.

Info: Tom Chicken & The Big Balls: Late Autumn Recordings. 15 Euro.

21.12.2012 - 00:30 Uhr | geändert: 21.12.2012 - 08:15 Uhr

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