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Ein Henker macht sich ehrlich

Die Wandlung des Scharfrichters Karl Huß

Kann man sich einen Henker sensibel vorstellen? Diese Dialektik arbeitete die Autorin Hazel Rosenstrauch in ihrem Porträt des böhmischen Scharfrichters Karl Huß heraus, verpackt in einem Sittenbild des beginnenden 19. Jahrhunderts. Zu hören in einer Lesung im Zimmertheater am 3. März.

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Tübingen. Wie umwälzende Erkenntnisse und neues Denken nicht nur Biographien prägen, sondern auch das Empfinden der Menschen verändern, ist ein Lieblingsthema von Hazel Rosenstrauch. Die in London geborene, heute in Berlin lebende Autorin mit österreichisch-jüdischen Wurzeln hat es schon in verschiedenen Büchern an exemplarischen Personen facettenreich durchgespielt, und es ist sicher kein Wunder, dass die Zeit nach der Aufklärung besonders ergiebige Beispiele bietet: Karl August Varnhagen („Rahels Mann“), die moderne Ehe von Wilhelm und Caroline Humboldt.

Vom „Diener des Todes“ zum Heiler

Der jüngste Fund der Kulturwissenschaftlerin (die in Tübingen promovierte) ist ein Mann, vor dem einem grauen möchte: Mit 15 Jahren (1776) köpft er in Eger seinen ersten Delinquenten. Er stammt aus einer Familie von Scharfrichtern, die gesellschaftlich ausgegrenzt waren. Doch ein Jahrzehnt später wird in den österreichischen Erblanden, zu denen Böhmen damals gehörte, die Todesstrafe abgeschafft. Der arbeitslos gewordene Henker ergreift die Chance, seine verfemte in eine bürgerliche Existenz umzuwandeln.

Artikelbild: Die Wandlung des Scharfrichters Karl Huß

Die Autorin nimmt die Leser mit in diese Welt des Umbruchs und lässt sie dabei zusehen, wie einer Bildung nachholt und als Autodidakt zum geachteten, dilettierenden Naturforscher und Sammler wird, vom „Diener des Todes“ zum Heiler, auch zu einem Heimatgeschichtsschreiber, einem Bekämpfer des Aberglaubens. Und – das Wichtigste – zu einer über sich selbst reflektierenden Persönlichkeit.

An einer Stelle wandelt Goethe durch die Szenerie, er nahm bei seinen Bäderbesuchen die Gelegenheit wahr, Huß kennenzulernen, der ihn faszinierte. Die große Weltgeschichte und die kleine individuelle finden zusammen durch die Person Metternichs (den Rosenstrauch keineswegs als rückwärtsgewandten Restaurator sieht), dem das nahegelegene Schloss Königswart gehörte. Metternich machte Huß zum Kustos seiner reichhaltigen Sammlungen, wie der mächtige Politiker das Europa nach Napoleon neu ordnet, so ordnet er Petrefakten, Münzen, Gerätschaften.

Eine Rezensentin der FAZ nannte Karl Huß eine „historische Scharnierfigur“. Die Autorin nutzt die Vielseitigkeit seiner Person, um die Epoche aus verschiedenen Winkeln anzuleuchten, immer neue Merkwürdigkeiten, Widersprüche, Persönlichkeiten herauszustellen, aber dann auch für sich selbst sprechen und stehen zu lassen.

Nicht zuletzt für dieses jüngste, essayistische Werk erhielt Hazel Rosenstrauch Ende des vergangenen Jahres in Wien den österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik. upf

Info: In einer Matinee im Zimmertheater liest Hazel Rosenstrauch am morgigen Sonntag um 11 Uhr aus ihrem Buch „Karl Huß, der empfindsame Henker“, erschienen bei Matthes und Seitz, Berlin, 2012, 175 Seiten, 19,90 Euro. Mitveranstalter ist Wolfgang Zwierzynski (Buchhandlung Quichotte, Tübingen).

02.03.2013 - 08:30 Uhr | geändert: 02.03.2013 - 08:48 Uhr

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