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Beginn mit Fertigstellung der Klos

Die Ursprünge des Clubs Voltaire

Zwei Monate lang feierte sich der Club Voltaire. Am Mittwoch war zum womöglich definitiven 40. Geburtstag der Abschluss.

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Mario Beisswenger

Sex stand am Anfang des feierlichen Rückblicks auf 40 Jahre Club Voltaire. Am Mittwochabend trafen sich noch einmal die Macher und Wegbegleiter des Clubs in der Tübinger Haaggasse und reihten sich vor der chronologischen Wandzeitung auf. Ein jeder ging dorthin, wo er mit dem sozio-kulturellen Zentrum zuerst in Berührung kam.

Mit seiner Poetry slamte der Stuttgarter Nikita Gorbunov an der Tübinger „Mohrenkopf“-Debatte ... Mit seiner Poetry slamte der Stuttgarter Nikita Gorbunov an der Tübinger „Mohrenkopf“-Debatte vorbei. Das tat der Stimmung beim Feste zum 40-jährigen Bestehen des Clubs Voltaire allerdings keinen Abbruch. Bild: Sommer

Bruno Gebhart-Pietzsch machte den Anfang. Es sei wohl 1972 oder ’73 gewesen, als sein Seminar zum „Warencharakter der Sexualität“ in dem Haus stattfand, das der Bund deutscher Pfadfinder hergerichtet hatte. Jede Woche wurde ein neu erworbenes Porno-Magazin besprochen. „Mit einem guten Ergebnis“, befand der Stadtrat der Grün-Alternativen. Andere reihten sich am 19. Dezember ein, der dem Anschein nach das genaue 40-Jahr-Bestehen markiert.

„So genau weiß das aber kein Mensch mehr“, sagte Voltaire-Vorstandsfrau Uli Schneck. Der 19. könne es eigentlich gar nicht gewesen sein, obwohl das Gründungsprotokoll so datiert ist. Eckard Holler, der jahrelange Bestimmer im Club, habe da nämlich Geburtstag. Dass die formale Gründung und das Wiegenfest zusammenfielen – das wird stark angezweifelt.

Überhaupt sei ja eigentlich der vorher erledigte Einbau der ersten Toilette der Beginn des sozio-kulturellen Zentrums, meinte einer der Zeitzeugen. Zudem markiere die Erneuerung der Sanitärinstallation im 20-Jahresabstand die dauerhafte Weiterentwicklung.

Tübingens früherer Kulturamts-chef Wilfried Setzler führte das Fortdauern der Off-Kultur-Arbeit eher auf einen städtischen Zuschuss zurück. Die Stadtverwaltung sei zwar der erklärte Feind gewesen, doch sollte die Stadt gefälligst für den Club zahlen. So wurde ihm beschieden, als er sich als erster städtischer Beamter 1981 zu einem Treffen wagte. „Ich habe sie dann aber verwirrt, als ich in der Diskussion über den Kulturbegriff, Kultur von allen und Kultur für alle verteidigte.“ Jedenfalls flossen in den goldenen Jahren der großen Voltaire-Festivals aus dem Stadtetat oft mehr als 100 000 Mark (rund 50 000 Euro) in den Vereinsetat.

Anette Battenberg, heute Geschäftsführerin des „Laboratoriums“ in Stuttgart, erzählte vom Beinahe-Konkurs des Clubs 1987, als Holler ausschied. Die damalige Zweite Vorsitzende des Vereins möchte die Erfahrungen aber nicht missen. „Die Empirischen Kulturwissenschaften und der Club Voltaire haben mein Leben bestimmt.“ Sonst wäre sie beruflich wohl nicht bei einem freien Kulturveranstalter gelandet.

Die Krise des Clubs wurde bewältigt. „Er ist wie eine Obstbaumwiese. Irgendjemand hat ihn immer gepflegt“, sagte Jörg Beirer. Der Poltringer Kabarettist war Anfang der 1990 Jahre mal Kassier im Verein. „Glaube ich zumindest. Ich bin bei Wahlen da mal rumgesessen. Danach war ich es dann.“

Thomas Maos erinnerte an die Zeit, als der Club Voltaire die Bühne für Tübinger Experimental-Musik war. Vom Club Zatopek waren Langläufer da, die über acht Jahre jeden Dienstag „möglichst sinnfreies Programm“ machten. Zuletzt meldeten sich noch die Redaktöre der Literaturzeitschrift „Trashpool“ zu Wort, die den Club jetzt bespielen.

Aus diesem Umfeld kam auch Nikita Gorbunov, der erste Act des Abends. Der Stuttgarter Poetry-Slammer freute sich, dass es mit dem Voltaire „einen Platz hat für Off-Kultur in so einer kleinen Stadt“. Die Untiefen der Tübinger Debatten erfasste er aber nicht. In einem Freestyle-Rap verarbeitete er den ihm zugerufenen Begriff „Mohrenkopf“ und meinte, Tübingen sei eine „mohrenkopffreie Zone“ von wegen viel Zucker und nicht bio. Später befragt, wie er zu dieser Einschätzung komme, redete er sich raus. Er sei nicht draufgekommen, dass der Begriff die Massen wegen Rassismus-Verdacht bewegt. „Dabei habe ich Migrationshintergrund.“

Das Tübinger Trio „Scarface Martin“ rockte anschließend die inzwischen rund 70 Voltaire-Geburtstagsgäste zurück in die Seventies. Irgendwann damals wurde der Voltaire ja ganz sicher gegründet.

21.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 22.12.2012 - 10:06 Uhr

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