per eMail empfehlen


   

Fußball, Grillen, Geldsorgen

Die Stücke müssen sich alleine durchsetzen

Bald trennen sich ihre Wege, doch diese Spielzeitbilanz zogen die beiden Intendanten des Tübinger Zimmertheaters noch gemeinsam. Unzufrieden wirkten sie dabei nicht.

Anzeige


Wilhelm Triebold

Tübingen. „Eine normal gute Spielzeit“, meint Axel Krauße. Aber was heißt schon normal, was gut? Das Zimmertheater hat auch schon schlechtere Zeiten gesehen. Wie erfreulich, dass man nicht mit einer Komödie von Andreas Marber feststellen muss: „Das sind sie schon gewesen, die besseren Tage“. . .

Artikelbild: Die Stücke müssen sich alleine durchsetzen

Es geht aufwärts an der Bursagasse. Die Platzausnutzung habe man „wieder mal gesteigert“, sagt Krauße, sie lag in der nun nahezu abgeschlossenen Spielzeit (nur das Sommertheater läuft noch) bei 80 Prozent. Eine laut Krauße „sehr gute Auslastung, viel positive Resonanz. Und von den Einnahmen kommen wir gut raus.“

Ohne Spessart-Wirtshaus im Theatersommer liegt das Zimmertheater nun bei 15 000 Zuschauern in dieser Spielzeit. Das ist die Größenordnung des Vorjahres, damals aber inklusive Outdoor-Produktion („Balzen in Tübingen“). Das „Wirtshaus im Spessart“, das auf dem Bursaplatz noch bis zum Samstag gespielt wird, bringt zusätzlich rund 4000 Besucher und ist zu 90 Prozent ausgelastet.

„Natürlich sind wir vorsichtiger geworden“, wertet Christian Schäfer die bescheidener ausgefallenere Freiluftaktivität dieses Jahres. Eventuell seien auch „Erwartungshaltungen enttäuscht“ worden – aber: „Es läuft sehr gut. Und wir finden einfach Neubearbeitungen von Stoffen spannender, wollen selber etwas entstehen lassen.“

Schäfer erwähnt die Kooperationen mit Brandenburg und mit dem Prenzlauer „Theater untem Dach“, wo der „Bartleby“ (siehe Artikel nebenan) öfter gezeigt wurde. Dagegen Stücke wie Christian Lugerths „Dädalus kam nur bis Panama“, ein Tübinger Auftragswerk: „Das kennt halt keiner, trotzdem hat Regisseur Frank Siebenschuh das toll gemacht“, findet Schäfer.

Auch den neuerlichen Ausflug auf die Ruhrfestspiele Recklinghausen beurteilt Schäfer so. „Man konnte sich reinverlieben oder es lassen“, so sein Kommentar zu Anna Jablonskajas Drama „Es gibt kein Ende“, dessen Premiere „verhalten“ ausfiel. Das lag auch an „engen Produktionsbedingungen“ und der Konkurrenz zu Luk Percevals „Kirschgarten“ in Recklinghausen. Kann aber sein, dass die Tübinger demnächst mit dem Stück nach Moskau oder in die Ukraine eingeladen sind.

Das Jugend-Zimmertheater ist gut verankert im Abendspielplan, es gibt aber kein Dichterstübchen mehr, keine Dunkelkammer, kaum noch Sprech- und Wohnzimmer. Anfragen häufen sich, künftig mehr für Kinder zu machen.

Regisseur Schäfer räumt selbstkritisch ein, Goethes „Stella“ sei wohl „etwas hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Vielleicht hätte man noch mehr konzentrieren und eindampfen sollen.“

Manche Produktionen, wie die „Glasmenagerie“ oder „Eine Sommernacht“, schmierten nach starkem Beginn in der Publikumsgunst rapide ab. Schäfer: „Das ist manchmal nicht wirklich zu erklären.“ Und Krauße pflichtet ihm bei: „Die Stücke müssen sich alleine durchsetzen.“ Wobei „Mund-zu-Mundpropaganda das Werbemittel schlechthin“ sei. Manhmal aber, sagt Krauße, „haben die Leute anderes im Kopf als Theater: Zum Beispiel Fußball, Grillen, Geldsorgen.“

Als das Intendanten-Tandem vor fünf Jahren anfing, endete der bestehende Theatervertrag mit der Stadt gerade. Man komme trotzdem gut miteinander klar, betont Schäfer: „Uns ist wichtig, dass wir in ständigem Kontakt mit der Stadt sind. Und Stadt und Gemeinderat nehmen auch Anteil an dem, was wir hier machen.“ So gab es einmalige Zuwendungen, zuletzt wurde der Etat um 25 000 Euro auf nunmehr 329 000 Euro angehoben. Die Bürgerstiftung steuerte nochmal 10 000 Euro bei. Schäfer hat den Eindruck, dass „wir langsam, aber sicher wieder besser rauskommen“ aus der Schuldenmisere.

Die Nebenspielstätte im „Löwen“ wurde mit drei bis 15 Veranstaltungen im Monat bespielt, aber noch nicht ausgelastet. „Uraufführungen schauen sich die Leute lieber im Zimmertheater an“, glaubt Schäfer. Dabei kommt mit Thomas Bernhards „Theatermacher“ in der nächsten Spielzeit ein ideales Stück im „Löwen“ heraus, denn „es bedarf der Mängel des Ortes“. Und will auf die besagten Mängel auch aufmerksam machen.

Christian Schäfer wechselt im nächstren Jahr in die Miele- und Bertelsmannstadt Gütersloh, wo er zunächst einmal die Spielpläne des Vorgängers zu übernehmen hat. Und, wird er dann auch tüchtig das Zimmertheater einladen? Krauße grinst: „Auf die Gagenverhandlungen freue ich mich schon!“

08.08.2012 - 08:30 Uhr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Anzeige


Nachrichten aus ...
ReutlingenWannweilPliezhausenWalddorfh�slachAmmerbuchT�bingenDettenhausenKirchentellinsfurtKusterdingenGomaringenDusslingenOfterdingenMössingenNehrenBodelshausenHirrlingenNeustettenRottenburgStarzachHorb
Anzeige


Diva ohne Geheimnis: das Leben einer Mode-Ikone, allzu schlicht visualisiert.

»weiter...