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Zerschnittene Paradiese

Die Lyrikerin Eva Christina Zeller war letzte Esslinger Stadtschreiberin

Lyrik blüht in Nischen. Viele Städte haben sich mit Stipendien geschmückt und den Blick freigegeben auf „merkwürdige und abstruse Orte“, sagt Eva Christina Zeller, die als Esslinger Stadtschreiberin im Bahnwärterhäuschen untergebracht war.

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Fred Keicher
Bahngleise, Glasscherben, Literatur: die Tübinger Lyrikerin Eva Christina Zeller im Esslinger ... Bahngleise, Glasscherben, Literatur: die Tübinger Lyrikerin Eva Christina Zeller im Esslinger Bahnwärterhaus.Bild: privat

Tübingen. Die Reichsstadt Esslingen habe sie liebevoll willkommen geheißen. Es gab einen Empfang beim Bürgermeister, Theaterkarten, ein Freiexemplar der Lokalzeitung und keine Auflagen – etwa einen Text über Esslingen zu schreiben.

Aber gerade das hat Zeller dann getan, sich eingelassen auf den Ort, den sie als einen Unort bezeichnet, der etwas Düsteres habe. Ihre Wohnung lag im verwinkelten Dachgeschoss des Bahnwärterhauses, mit Blick auf die lärmende Bahnlinie. Schnell lernte sie, an Hand des Krachs die verschiedenen Zugtypen auseinanderzuhalten. Mit Abstand am lautesten waren die Güterzüge, die die Glanzstücke schwäbischer Industrie transportierten, Automobile. Gestört hat sie das nicht: „Ich konnte prima schreiben.“

Zur anderen Seite ging der Blick auf die Villa Merkel und den Park. Merkwürdigerweise geht der Eingang der Villa nicht zum Park sondern zur Bahnlinie heraus. Es sind nur wenige Meter Abstand. Der Erbauer Oskar Merkel (Esslinger Wolle) hat das wohl nicht als störend empfunden. Trotz des antikisierenden Stils ist es ein moderner Bau: der erste Betonbau Deutschlands, errichtet 1872/73. Die Eisenbahn war dann sein Schicksal: Seine Frau warf sich vor einen Zug. Es blieb bis heute eine beliebte Todesart in der Gegend.

Als Zeller im Frühling als Stipendiatin einzog, blühte im Park die Magnolie und in der zum Kunsthaus gewordenen Villa Merkel wurde die Ausstellung „Vom Schrecken der Situation“ eröffnet. Zeller hing einfach ein Seil vor die steile Treppe, damit die Ausstellungsbesucher nicht in ihre Wohnung unter dem Dach hochstiegen.

Blieb der Park als Ausflucht. Ja und nein. Er lag draußen vor der Stadt, zwischen einer vielbefahrenen Bahnlinie und einem betonierten Neckar. Zugänglich durch eine niedrige Unterführung, die voller Scherben zerschmetterter Bierflaschen war. Dahinter Richtung Stadt erstmal eine riesige Kreuzung. „liebe gefängnisinseln/ zerschnittene paradiese/ bordbistro rauschen durch die nacht“ schrieb die Lyrikerin. Auch die Stadt Esslingen muss sparen, sie spart sich die 3000 Euro fürs Stipendium. Zeller war die letzte Stadtschreiberin. Reich wird man mit Lyrik nicht. „Die eigene Welt zu versprachlichen, Bilder zu finden – das macht mich glücklich.“

Ganz abgebrochen sind die Kontakte nach Esslingen nicht. Die Autorin arbeitet an einem Theaterstück für die Württembergische Landesbühne Esslingen. Aufgeführt wird es in der Spielzeit 2011/2012.

10.08.2010 - 08:30 Uhr
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