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Kollektives Kultur-Zapping

Die 2. Reutlinger Kulturnacht lockte die Massen

Menschengruppen mit leuchtenden Tickets auf dem Marktplatz, volle Kneipen, Galerien und Gassen. Licht, Musik, Theater, Tanz und Skulpturen. Die 2. Reutlinger Kulturnacht bot mit 260 Veranstaltungen eine unüberschaubare Fülle an Kunst und Unterhaltung.

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Katharina Mayer und Matthias Stelzer
Es werde Licht – und blieb doch dunkel. Wie schon vor zwei Jahren begann auch die 2. Reutlinger Kulturnacht mit einer Leucht-Ticket-Fehlzündung. Erst beim zweiten Anlauf konnte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch die Veranstaltung im Rathaus für eröffnet erklären. „Die Stadt lebt von den Menschen, die etwas machen“, sagte die OB, um sich dann mit ihrem Ehemann Friedemann Kuhn auf den Weg in die Leistungsschau der regionalen Kulturszene zu machen.

Amateure und Profis sorgten an 98 Stellen der Stadt für Programm. Insgesamt sieben regionale zusammengestellte (Kul-)Touren sollten den Besucher/innen die Abendgestaltung erleichtern. Viele hatten sich aber ganz offensichtlich eigene Pfade erarbeitet. Das ließ sich an der Menge von Spickzetteln erkennen, die immer wieder aus Sakko-, Hosen-, oder Handtaschen gezogen wurden. Und auch an der Tatsache, dass sich an manchen Orten schon kurz vor dem offiziellen Start um 19 Uhr lange Schlangen bildeten.

So zum Beispiel vor der Kreissparkasse, in deren Schalterhalle die Württembergische Philharmonie (WPR) zu einer Reise gen Osten einlud. Das Orchester unter Leitung von Ola Rudner bat zur „Prager Nacht“. Auszüge aus Mozarts Don Giovanni, der in Prag uraufgeführt wurde, und dessen „Prager Sinfonie“ gaben die Musiker. Und als kleines Dankeschön an ihren Kulturnacht-Gastgeber Beethovens „Die Wut über den verlorenen Groschen.“ Dazu gab es Texte, gelesen vom WPR-Intendanten Cornelius Grube: Eduard Mörike zum Beispiel und Egon-Erwin Kisch. (Vor-)gelesen wurde generell viel. Vor allem Krimis standen hoch im Kurs: Im Kunstmuseum Spendhaus verschwand eine Collage des Malers Kurt Schwitters – zumindest literarisch. Und auch die Stadtbibliothek war Bühne kriminologischer Romanfragmente und mörderischen Theatersports.

In der direkten Nachbarschaft arbeitete sich die Volkshochschule durch die internationale Musikszene. Als vergleichsweise leer und Geheimtipp für Ruhesuchende entpuppte sich die Vhs-Cocktailbar im Obergeschoss des Volksbildungs-Gebäudes. Von dort hatte man dann auch den vollen Draufblick auf das wohlige Gruseln einer Taschenlampenführung im Garten des Heimatmuseums, die Gedenkplatten und Sühnekreuze ins Licht rückte.

Licht war ohnehin ein zentrales Thema der Kulturnacht. Teile der Innenstadt und das Tübinger Tor wurden von Beleuchtungskünstlern farbenfroh in Szene gesetzt. Teil des Gesamtbilds dabei: die Besucher/innen, die an einen Schwarm leuchtender Glühwürmchen erinnerten.
Sportlich und künstlerisch ging es allenthalben zur Sache. Die Markthalle mutierte zur Tanzarena, in der klassischer Tango ebenso seinen Platz fand wie modernes Tanztheater. Das hatte auch bei der Tonne in der Planie 22 eine Bühne: Internationale Choreograf(inn)en präsentierten fragmentarisch ihre Arbeiten. Getanzt wurde allerdings auch im und unter Wasser: Im Achalmbad installierte der Tübinger Künstler Serge le Goff die Reutlinger Synchronschwimmerinnen als Wassernixen in einem bewegten Raum aus Licht, Farben und Reflexionen. Was bei den Zuschauer(inne)n mit blauen Labor-Plastiküberschuhen auch noch bei 33 Grad Raumtemperatur zu Begeisterungsstürmen führte.

Einfach war es nicht, den eigenen Weg zu finden in all dem kulturellen Überangebot. Kultur-Zapping eben. Die Frage „Wohin jetzt?“, war sicher die am häufigsten gestellte und angesichts der Programmfülle in der Stadt auch keine leicht zu beantwortende.

Den Weg zur erotischen Nacht des Konkursbuch-Verlages in der Buchhandlung Osiander fanden dann doch viele – um festzustellen, dass dort Geschlechterkonstruktionen und der vorherrschende patriarchal geprägte Erotikbegriff kurzerhand demontiert wurde.

Auch die mitternächtliche Überraschungsvorstellung der regionalen Theater in der Planie 22 war übervoll. Wer keinen Sitzplatz mehr bekam, musste sich an den eindrücklichen Ermahnung des Dichters, Sängers und Schauspielers Otto Reutter trösten: „Denn der, der nichts hat, ist glücklich und frei, und in 50 Jahren ist alles vorbei.“

Ganz so lang dauerte der Ausschnitt aus dem Otto-Reutter-Programm des Zimmertheaters nicht, schließlich musste noch Raum gelassen werden für den deutschen Dichter, der derzeit das Bühnenprogramm der Bundesrepublik beinahen im Alleingang bestimmt: Fritz. Genauer: Johann Christoph Friedrich von Schiller, dessen Biographie dem Publikum via Peter-Paul Zahl nahegebracht werden sollte. Oder auch nicht: Der Ausschnitt aus der aktuellen LTT-Inszenierung geriet eher zur biographischen Recyclingaktion.
12.10.2009 - 10:29 Uhr | geändert: 13.10.2009 - 08:29 Uhr

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