Vom Studentenkabarett zum Deutschen Kleinkunstpreis
Der unaufhaltsame Aufstieg des Tübinger Kabarettisten Philipp Weber
„Hölderlin-Syndrom“ hieß vor zehn Jahren sein erstes Kabarettprogramm. Es war auf Tübingen zugeschnitten, denn da studierte Philipp Weber damals und da wohnt er noch immer. Aber er ist nur noch selten zuhause. Vor zwei Wochen nahm er zusammen mit seinem „Ersten Deutschen Zwangsensemble“ den Deutschen Kleinkunstpreis entgegen. Eine erstaunliche Karriere.
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Peter Ertle
„Den ganzen Tag im Labor, das ist nicht mein‘s. Und vor dem Lehrerberuf hatte ich zu viel Respekt. Da dachte ich: Kabarett wär‘ natürlich schon sexy.“ Bild: Metz
Tübingen. Eigentlich wollten wir uns genau in der Mitte treffen, also im Primer. Der liegt nachgerechnet genau auf halbem Weg zwischen seiner Wohnung und dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT. Das wäre für beide Seiten fair gewesen, jeweils eineinhalb Minuten Wegstrecke. In Tübingen, der Stadt der kleinen Wege wird man ja faul, sagt: „Oh, bis zum Sudhaus, das ist mir heute zu weit“. Ist Philipp Weber jedenfalls aufgefallen. Aber zum verwöhnten Tübinger Publikum kommen wir später.
Von links: Matthias Tretter, Philipp Weber, Claus von Wagner: Das erste deutsche Zwangsensemble. Bild: Agentur
Erst kommt Philipp Weber, und zwar dann doch in die Uhlandstraße. Er ist ja auch der Jüngere. Jung und doch schon erfahren. „Das sind Qualifikationen, die gibt’s eigentlich nur auf der Reeperbahn“, sagt er zu dieser heute auf dem Arbeitsmarkt verlangten Eigenschaft. Damit sind wir schon mittendrin in „Honeymoon Massaker“, einem von drei ausgezeichneten Soloprogrammen.
„Ja, der Kabarett-Oskar fürs Zwangsensemble, das ist schon super“, kommentiert Weber, aber „nach ’ner Zeit relativiert sich das mit den Preisen. Für einen Kabarettisten geht es mehr ums Publikum.“ Er hat gut reden, denn die Preise die er mittlerweile solo und mit seiner Gruppe erhalten hat, würden, säuberlich aufgezählt, den hier vorhandenen Platz sprengen, weshalb eine Auswahl reichen muss: Kleinkunstpreis Baden-Württemberg, Bayrischer Kabarettpreis, Tuttlinger Krähe, Slzburger Stier, Passauer Scharfrichter-Beil, Obernburger Mühlstein, Förderpreis des deutschen Kabarettpreises. Und nun: Der deutsche Kleinkunstpreis, verleihen vor einer Woche in Mainz, aus der Hand Dieter Nuhrs. Besser geht’s nimmer.
Gehen wir mal weit zurück, bis nach – Mumpfenbach? „Nein“, sagt er und lacht, „Mumpfenbach ist fiktiv, das gibt's nur in meinem Programm, ich komme aus Amorbach, Odenwald“. Zum Studium ging’s nach Tübingen. Germanistik schmiss er nach sechs Wochen hin, als er bei der ersten Hausarbeit merkte: „Ich krieg’ keinen geraden Satz raus.“ Das klingt schon wie die Umschreibung eines späteren Kabarettprogrammtitels: „Schief ins Leben gebaut.“
Es wurde dann Biochemie, da fühlte er sich wohl. Seine Bühnenkarriere begann exakt am 21. Dezember 1999 im Blauen Salon bei einer Poetry Slam-Vorstellung. „Bei uns zuhause gab es Prunksitzungen und Schultheater, aber in Tübingen hatte ich fünf Jahre lang überhaupt keinen Kontakt mehr zu so was. Und plötzlich hab ich gemerkt: Das hat mir gefehlt, das ist es.“
Es folgte Studentenkabarett im Brechtbau. Dann die erste Kritik im Tagblatt, lobend, aber auch sein ständiges Plusquamperfekt bemängelnd. „Ich dachte mir, wo ich herkomme ist noch Steinzeit, da kann es gar nicht vergangen genug sein.“
Im Vorstadttheater und auf anderen Bühnen der Region macht er die nächsten Schritte, ja, er hat Erfolg. Aber davon leben kann und will er noch nicht. Will er erst, als er nach dem Uniabschluss den Labor-Alltag sieht. Kann er erst, als das passiert, was er seinen „Sechser im Lotto“ nennt. Eine junge Agentur bietet ihm einen Dreijahresvertrag und will aus ihm und zwei anderen deutschen Jungkabarettisten eine Formation gründen.
Klingt nach Boygroup, und etwas verzwungen. Also nennen sie sich „Erstes Deutsches Zwangsensemble“. Aber die Chemie stimmt zwischen Matthias Tretter, Claus von Wagner und Philipp Weber, es funktioniert, und wie! Seit fünf Jahren feiern sie einen Erfolg nach dem anderen und auch den drei Solokarrieren hat die Ensembletätigkeit gut getan. Die Gage muss man zwar dritteln – „das ist jetzt auch das Blöde am Kleinkunstpreisgeld“ – aber immer nur als einsamer Wolf durch die Gegend zu reisen mache ja keinen Spaß, sagt Weber, das freiwillige Lust-Zwangsensemble sei Spaß, Erholung, Freundschaft, einfach wunderbar.
Wahrscheinlich überträgt sich das ins Programm, denn dem Zwangsensemble wurde nun bei der Preisverleihung „ungebremste Spielfreude, entwaffnender Witz und zielgerichtete Provokation“ bescheinigt. Wo alle Welt die Wende zum ersten schwarzen US-Präsidenten bejubelt, kommentiert Weber trocken: „Wenn es einen Scheiß-Job zu machen gibt, muss der Neger ran.“ Und wo alle Kabarettisten das Thema Islamismus lieber meiden, haben sie eine Selbstmordattentäter-Nummer in ihrem Programm – die eben nicht geschmacklos ist. Das muss man können. Das Management muss allerdings gut planen. Denn gemeinsam haben die drei etwa 60 Auftritte im Jahr, dazu kommen bei Weber noch 130 Soloauftritte, bei den anderen ebenfalls. Knapp zweihundert Auftritte im Jahr also. Im Prinzip, sagt der Kabarettist, sei er gern unterwegs, aber anstrengend sei es schon. Und da die Kulturvereine nicht viel Geld hätten, werde man da schon manchmal in irgendwelchen Klitschen untergebracht.
Tübingen kommt in seinem Tourleben eher selten vor. In München, mittlerweile sein zweiter Wohnsitz, steht er etwa achtmal pro Jahr auf der Bühne. Das hat verschiedene Gründe. Erstens hat es was mit den Veranstaltern vor Ort zu tun. Und da lobt er Gunnar Bux im Rottenburger Waldhorn über die Maßen, dessen Kleinkunstreihe genieße den allerbesten Ruf in der Kabarettszene.
Die wenigen Lokalauftritte haben auch mit Webers Bekanntheitsgrad und dem Publikumsverhalten generell zu tun. In Tübingen ist das Publikum grundsätzlich schwerer zu kriegen, „hier ist ja kulturell so viel geboten. Am wohlsten hab ich mich immer in Böblingen und Sigmaringen gefühlt. Die sind nicht so verwöhnt.“
In München kann es ihm durchaus passieren, dass er auf der Straße ein Autogramm geben muss – vor allem wenn er einen Tag vorher im Fernsehen in „Ottis Schlachthof“ aufgetreten ist – wiewohl er über seine auch schon zahlreichen TV-Auftritte sagt: „Das ist nicht mehr so wie früher, als es drei Programme gab und du am nächsten Tag berühmt warst. Das versendet sich.“
In Tübingen kenne ihn kaum jemand, meint Weber. Und das ist ihm sehr recht. Die Stadt ist sein Ruhepol. „Hier geh’ ich mit meinen Jungs ein Bier trinken, hier hab ich meinen alten Freundeskreis.“ Und seine Freundin, die nach drei Kabarettprogrammen in den letzten fünf Jahren mittlerweile verfügt hat: „Keine Premiere mehr in den nächsten zwei Jahren!“
Von der Kabarettszene, seinen Kollegen hat er nur Gutes zu berichten – fast. Klar gebe es „auch da ein paar Deppen, ich nenn jetzt keine Namen, die denken von mir wahrscheinlich dasselbe.“ Aber sonst. Josef Hader: Menschlich total super. Thomas Reis (sagt): „Wenn du in Köln bist, hast du immer ein Bett bei mir.“ Man hilft und empfiehlt sich gegenseitig, gibt sich Tipps.
Dass es für Kabarettisten heute weniger Angriffsflächen gebe als früher hält er „für völligen Quatsch“. Zwar parodiere und demaskiere sich die Politik selber. Und wenn ein Westerwelle („ein riesengroßer Luftballon mit heißer Luft drin“) von spätrömischer Dekadenz spreche oder ein Bischof Blixa für die Übergriffe von Priestern die sexuelle Revolution haftbar mache, sei das in gewisser Weise selbst schon Kabarett, aber, beharrt er: „Es gibt immer noch eine Metaebene, die du verarschen kannst.“
Im Übrigen findet er es zu billig, immer auf die gleichen Trottel einzuschlagen, „die natürlich in dem Moment nie im Raum sind“. Viel produktiver sei es, „das Publikum ins Visier zu nehmen, also uns alle. Was machen wir mit dem Planeten?“ Aus der Sicht des Regenwaldes sei es egal, ob Zumwinkel oder ein Normalsterblicher Tropenholzmöbel kaufe.
Und den Konflikt zwischen Kabarett und Comedy, gibt es den überhaupt außer im Kopf von Dieter Hildebrandt? Nein, meint Weber, aber je älter er werde, desto strenger werde er da, will heißen: Wenn Kabarett drauf steht, soll bitte auch Kabarett drin sein und nicht nur dieses Namen- und Stichworte -Hinschmeißen, Schlagwortkabarett.
Dann lieber gleich gute Comedy. Monthy Python! Auch aktuell in Deutschland gebe es ganz hervorragende Comedykünstler. Bloß kenne die niemand, weil durchs Fernsehen eine Geschmacksnivellierung stattgefunden habe: Was dem ganz großen Publikum gefalle, habe selten die Qualität, das sei doch immer schon so gewesen: „Heinz Erhardt war doch auch nur Massenbums.“
Seine Booking-Agentur käme nicht auf die Idee, immerhin füllt er ja das Münchner Lustspielhaus, aber jüngst ist Philipp Weber wieder mal, back to the roots, im Tübinger Vorstadttheater aufgetreten, außer der Reihe, weil: „Ich find das klasse, was die machen.“ Überhaupt hat er seine Anfänge nie vergessen, so motiviert sich im Übrigen auch sein Kampf gegen das Rauchverbot in Kneipen: „Als ich Student war und noch kein Geld hatte, war ich aufs Passivrauchen finanziell angewiesen.“
Ja, zugegeben, das war jetzt wieder ein Witz aus Webers Programm „Honeymoonmassaker“. Wahrscheinlich lebt er sehr gesund, denn manchmal joggt er mir am Neckarufer entgegen. Die Zukunft? Pläne hat er viele: Ein Buch. Eine Funkkolumne. Und natürlich am nächsten Programm schreiben. Schreiben sei das Schwerste. Aber er hat diesmal ja zwei Jahre Zeit bis zur nächsten Premiere.