Was ist schon selbstverständlich? Selbstverständlich ist, dass Häuser eckig sind – meistens jedenfalls. Selbstverständlich ist auch, dass Koffer eckig sind, jedenfalls wenn sie keine Hüte beherbergen. Schreibpapier ist ebenfalls eckig.
Und selbstverständlich ist der Ball rund – außer beim Tipp-Kick, da braucht er Ecken und Kanten schon als Tempobremse.
Der eckige Teller wanderte vermutlich aus dem asiatischen Raum in die europäische Tischkultur ein. Bild: TwilightArtPictures
Bis vor einigen Jahren sah es so aus, als gehörten auch Teller unumstößlich in den Bereich des Runden. Gut, manche von ihnen imitierten den Tipp-Kick-Ball und ließen sich einige Ecken stehen, blieben dabei aber insgesamt der runden Form verpflichtet.
Es gab zwar auch den Mensateller oder den Kantinenteller, die sich in ihrer Form einem Tablett mit verschiedenen Abteilungen annäherten. Doch Teller unterschieden sich im Allgemeinen voneinander vor allem durch Durchmesser, Blümchenmuster, Delfter Deko und ob ihr Inneres höher oder tiefer gelegt war. Das war‘s dann auch schon. Der Teller war als Teller schnell zu erfassen. Selbst als Bestandteil eines teuren Service war er immer von unterwürfigem Charakter. Mit Speisen voll geladene Teller neigen eh zur kompletten Selbstverleugnung. Gegen ein tellergroßes Schnitzel hatte ein tellergroßer Teller ohnehin nie eine wirkliche Chance.
Doch dann verschaffte sich der Teller Genugtuung. Es kam zur großen Teller-Revolution. Über die wurde übrigens noch sehr wenig nachgedacht. Aber auf einmal war der Teller wer! Er erlebte eine ungeahnte Blüte: Er exerzierte die Quadratur des Kreises an sich selbst.
War bis dahin seine Aufgabe, Speisen einen Halt zu geben und einen mobilen Untergrund, der leicht zu reinigen war. Ach ja, stapelbar sollte er auch sein! So wuchsen ihm nun also Ecken. Und das nicht gerade, weil seine Funktion dies verlangt hätte. Im Gegenteil, die Funktionalität des Tellers leidet unter solchen Ecken, die sich auf harten Küchenoberflächen schneller die Kante geben, als einem lieb ist.
In Kochshows, Restaurants, Imbissen, bei Abendessen unter Freunden spielen solche Erwägungen aber kaum eine Rolle, denn hier gilt das Gebot der Viereckigkeit. Jedes noch so klägliche Ergebnis mehr oder weniger ambitionierter Küchentätigkeit wird nun auf eckige Teller gelegt. Einmal weil die Eckigkeit asiatischen Purismus verheißt, zum anderen weil der Teller damit aber auch zur dramatischen kleinen Tischbühne wird.
Auf ihr kommt selbst bescheidene Kochkunst anspruchsvoll daher. Nebenbei erscheint die Menge der dargebotenen Speisen geschrumpft, denn die Ecken werden betont und bleiben frei. Der Teller wirkt also auch extrem Diät-geeignet, was allerdings wenig über die Anzahl der ihm aufliegenden Kalorien sagt.
Mittlerweile steht die Tischkultur so sehr unter dem Diktat des eckigen und dabei oft ins Komödiantische spielenden, weil leicht gewellten Tellers, dass einem seine runden Vorgänger geradezu wohltuend ins Auge fallen. Ein Tellergericht sollte also schleunigst her, das kurzen Prozess mit dieser dick aufgetragenen Eckigkeit macht.