Der Tübinger Horst Fassel, dem Herta Müller eine Nähe zur Securitate andichtet, antwortet
Vor acht Tagen präzisierte Herta Müller an dieser Stelle ihren Securitate-Vorwurf gegen den Tübinger Horst Fassel („Weder erhärten noch entkräften“): Die Literatur-Nobelpreisträgerin findet, nur Fassel selbst könne vor Ort den Verdacht klären. Der pensionierte Geschäftsführer des donauschwäbischen Instituts reagiert postwendend.
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Wilhelm Triebold
Er will, dass Herta Müller künftig Anschuldigungen gegen ihn unterlässt: Der Tübinger Literaturwissenschaftler Horst Fassel.
Tübingen. „Familienhaftung war ein Instrument in Diktaturen“, schreibt Fassel in seiner Stellungnahme ans TAGBLATT. „1959 wurde ich in Rumänien nicht zum Studium zugelassen, weil ich aus der ’falschen’ Familie stammte, mein 1944 gefallener Vater war Akademiker. Jetzt wird mir vorgeworfen, mein Stiefvater, mit dem ich von 1948 bis 1960 unter dem gleichen Dach lebte und zu dem ich, nach dem Tod meiner Mutter (1973), lose Beziehungen unterhielt, sei Informant des rumänischen Geheimdienstes gewesen. Was hat das mit mir zu tun, wenn es stimmen sollte?“
Fassel, in dessen Zeit am Institut drei Doktorarbeiten über Herta Müller entstanden sind, wehrt sich auch dagegen, wie in dem TAGBLATT-Artikel von ihrem Ex-Mann Richard Wagner einzelne Zitate gegen ihn gewendet wurden. Etwa aus einem Aufsatz des Mainzer Germanisten Dieter Kessler, der in Rumänien während eines Lektor-Aufenthalts in den 1970ern aufgrund von Verleumdungen zur „persona non grata“ erklärt wurde: „Seine oder meine Formulierungen kann man beanstanden“, so Fassel, „mit meiner Meinung muss man nicht übereinstimmen, aber Vorschriften, wie und was ich zu schreiben habe, sind in einem demokratischen Staat fehl am Platz.“
Inzwischen habe sich herausgestellt, hält Fassel fest,,dass es keine Kampagne gegen Herta Müller in der „Banater Post“ gegeben habe, während er von 1985 bis 1987 dort Redakteur war. „Ebenso ist erwiesen, dass das Tübinger Institut kein ‚kompromittierendes Material’ gesammelt hat.“ Im November 2009 habe er sowohl dem Leiter des Instituts als auch dessen Träger, dem Landes-Innenministerium, „mit getrennter Post mitgeteilt, dass ich mit keinerlei Geheimdienst, auch nicht mit dem rumänischen, zusammengearbeitet habe.“
Dasselbe auch bei der Universität zu tun, halte er nicht für angebracht. „Ich war dort von 1989 bis 2007 ehrenamtlich tätig, und wenn ich in den Jahren 2002 bis 2006 meist mit zwei Studentengruppen arbeitete, weil die Anzahl der Gemeldeten sehr hoch war, habe ich dafür nie ein Entgelt erhalten.“
Von 1965 bis 1981 arbeitete Horst Fassel an der Universität Jassy im Nordosten Rumäniens. Ein Regimekritiker habe inzwischen die Namen der dortigen Securitate-Mitarbeiter veröffentlicht. „Mein Namen ist nicht darunter“, erklärt Fassel. „Weshalb ich meine Securitate-Akte noch nicht eingesehen habe? Seit Jahren hat mein Gesundheitszustand Priorität, außerdem kann ich der Akte nur entnehmen, was über mich berichtet wurde. Wer über mich berichtet hat, kann ich – aufgrund der Lebenserfahrung in Rumänien – vermuten. Andere wären für mich eine Überraschung, die ich mir ersparen möchte.“
Es sei für einen Rentner dann „auch eine finanzielle Frage, ob er für diese Rückkehr in die Vergangenheit investieren will oder kann.“ Fassel staunte außerdem, als er das Formular las: „Dort wird dem Antragsteller auferlegt, dass er über die Personen, die er in seiner Akte findet, bei Strafandrohung nicht öffentlich berichten darf, um deren Reputation nicht anzutasten. Warum muss ich dann unbedingt und umgehend diese Unterlagen einsehen? Dass ich es, wenn es meine Gesundheit zulässt, tun kann, steht außer Frage.“