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Der Chor der Flammengeister

Der Stiftschor musiziert Loewes Oratorium „Johan Hus“

Carl Loewe dürfte den meisten allenfalls als Komponist der Ballade „Die Uhr“ bekannt sein. Und auch das wohl am ehesten noch aus Karl Valentins legendärem Sketch. Dabei hat der Romantiker stolze 17 Oratorien geschrieben. In der Motette am Samstag musiziert der Stiftschor unter Hans-Peter Braun sein Oratorium „Johan Hus“. Eine Tübinger Erstaufführung.

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Achim Stricker

Tübingen. Bei den Vorbereitungen für sein Liturgie-Seminar stieß Stiftsmusikdirektor Hans-Peter Braun in der Bibliothek des Evangelischen Stifts auf einen Band zur Kontrapunktik im 19. Jahrhundert. Als Beispiel für einen romantischen Kyrie-Satz fand er darin zu seinem Erstaunen eine Komposition von Carl Loewe – mit dem Hinweis, sie stamme aus dessen Oratorium „Johan Hus“. Gemäß den ästhetischen Richtlinien des romantischen Cäcilianismus orientiert sich das Stück am strengen Palestrina-Stil. Es ist sogar im besonders anspruchsvollen „vierfachen Kontrapunkt“ geschrieben: Alle vier Stimmen sind beliebig vertauschbar.

Hans Peter Braun Hans Peter Braun

Braun wurde neugierig. Bis dahin hatte auch er Loewe nur als Komponist von nicht weniger als 400 biedermeierlichen Klavier-Balladen gekannt: darunter „Erlkönig“, „Zauberlehrling“ und „Archibald Douglas“. „Loewe hatte eine große Begabung für die kurze dramatische Form“, resümiert Braun bei der Werkseinführung am Mittwoch in der Stiftskirche. „Er war eine Art Georg Kreisler des 19. Jahrhunderts: Er begleitete sich selbst bei seinen Liedern.“

Nach wochenlanger Recherche fand Braun heraus, dass die meisten von Loewes 17 Oratorien heute verschollen sind. Auch von „Johan Hus“ fehlte fast jede Spur. Die einzig greifbaren Noten waren völlig verschlissenes Leihmaterial. Da fand Braun heraus, dass der Kammerchor Oberthurgau Arbon das Werk 2009 aufgeführt hatte, und kam so an brauchbare Noten. Der Arboner Chorleiter Mario Schwarz hatte die gesamte Partitur mühsam Ton für Ton in den Computer eingegeben.

„Man muss nicht jede Leiche wieder ausgraben“, räumt Braun ein, „aber dieses Oratorium verdient eine Wiederentdeckung. Hus‘ Schicksal bewegt bis heute. Ein Jahrhundert vor Luther kritisierte er Papsttum, Zölibat und Ablasshandel, trat für freie Meinungsäußerung und Menschenrechte ein.“

Zum Abschied tönt ein Posthorn

Während Mendelssohn in seinen Oratorien biblische Figuren verwendete, setzte zeitgleich der evangelische Theologe und Freimaurer Loewe bewusst auf den tschechischen Reformator Jan Hus, der am 6. Juli 1415 auf dem Konstanzer Konzil als „Ketzer“ verbrannt worden war. Sein Oratorium, 1841 uraufgeführt von der Berliner Singakademie, war im politischen Klima des Vormärz ein kritisches Signal Richtung Rom.

Loewe wurde 1796 als zwölftes Kind eines Kantors geboren und in den Franckeschen Stiftungen zu Halle pietistisch erzogen. Das Kompositionshandwerk lernte er bei Daniel Gottlob Türk, dessen Werke man heute vorwiegend als Übungsmaterial aus Klavierschulen kennt. 1820 wurde Loewe Kantor in Stettin, wo er 46 Jahre zugleich städtischer Musikdirektor war. 1869 verstarb er in Kiel.

Loewes anderthalbstündiges Hus-Oratorium steht in seinem romantischen Tonfall Mendelssohn nahe und verweist teils schon auf Brahms. Den Text schrieb der Berliner Blinden-Pädagoge August Zeune, eventuell inspiriert von den Schriften Schleiermachers.

Zu Beginn wird Hus von seinen Prager Studenten gewarnt, aufs Konstanzer Konzil zu gehen. Auch König Wenzel und Königin Sofia sind besorgt. Doch Hus beruhigt sie, Kaiser Sigismund habe ihm freies Geleit versprochen. Zum Abschied tönt ein Posthorn. Auch die beiden nächsten Szenen haben romantisches Kolorit: Im Wald trifft Hus auf Zigeuner, die ihm ebenfalls Unheilvolles prophezeien. Loewe komponiert hier einen recht modernen Raumklang-Effekt: Hus‘ Choral und das Tanzlied der Zigeuner überlagern sich in einer zwiespältigen Collage. Die nachfolgende Einkehr bei einem frommen Hirten wird zum lieblichen Naturidyll. Die Partitur sieht dafür fernes Glockengeläut vom Kirchturm vor.

Auf dem Konzil werden dem „Ketzer“ 39 Klagepunkte zur Last gelegt. Kaiser Sigismund lässt Hus aus politischem Kalkül fallen, trotz der Fürsprache der Kaiserin Barbara. „Hus hätte widerrufen können“, kommentiert Braun, „aber er hatte Angst um seine jungen böhmischen Gemeinden und wollte ihnen nicht in den Rücken fallen.“

Loewes Finale ist gewagt und aus heutiger Sicht nicht ganz unproblematisch: Auf dem Scheiterhaufen sind Hus ein „In te Domine speravi“, umgeben von einem chromatisch flimmernden „Chor der Flammengeister“. Die Schlussfuge feiert ihn in der Erlösungstonart C-Dur: „Ungetrübt rein, leuchtet der Menschheit ewig sein Schein.“ Gerade in Hus‘ Hinrichtung sieht Braun die Aktualität des Oratoriums und verweist auf den global grassierenden religiösen Fundamentalismus.

Wiedergefundenes Harmonium

Musiziert wird nicht die Orchesterfassung, sondern Loewes eigener Klavierauszug. Im 19. Jahrhundert waren derartige klein besetzte Aufführungen nicht unüblich: Der Stiftschor singt zur Orgel, die Solisten werden begleitet vom Blüthner-Flügel und dem kürzlich auf dem Dachboden der Stiftskirche wiedergefundenen Hinkel-Pedalharmonium.

Info: Der Stiftschor unter Hans-Peter Braun konzertiert am Samstag um 20 Uhr in der Motette. Die Soli gestalten acht Studierende der Trossinger Gesangsklasse von Prof. Andreas Reibenspies. Instrumentalisten: Shoko Hayashizaki (Klavier), Ulrich Averesch (Harmonium) und Tabea Flath (Orgel).

24.01.2013 - 08:30 Uhr | geändert: 24.01.2013 - 16:34 Uhr

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