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Kulturphänomene (52)

Der Mohr mit Kopf und Körper

Der Debatte um den Mohrenkopf liegt zu allem anderen Ärger auch noch eine begriffliche Unschärfe zugrunde: In anderen Teilen Deutschlands hätte sich das Ganze als Negerkuss-Streit abgespielt.

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Denn das, was in der hiesigen Region Mohrenkopf heißt, ist andernorts ein Negerkuss, also jene aus Waffel, Eischnee und Schokoguss zusammengeklebte Süßigkeit, die mittlerweile zum Schokokuss neutralisiert wurde. Der Mohrenkopf, wie er Ende des 19. Jahrhunderts in Leipzig erfunden oder vom französischen Tête de Nègre in deutsche Backstuben transplantiert wurde, ist dagegen ein rundes Biskuitgebäck mit Puddingfüllung und einem glänzend-klebrigen Schokoüberzug.

Artikelbild: Der Mohr mit Kopf und Körper

An Karneval oder Fasching bekommt das Ding auch noch Wulstlippen und Kulleraugen als unveränderliche Kennzeichen des ideellen Gesamtmohrengesichts aufgedrückt.

Der Mohr ist multiplizierbar, und er tut seine Dienste auch für Fahrradschläuche. Bild: Katalog ... Der Mohr ist multiplizierbar, und er tut seine Dienste auch für Fahrradschläuche. Bild: Katalog „Exotische Welten“

Hätte sich die Unterscheidung zwischen Mohrenkopf und Negerkuss auch in Südwestdeutschland durchgesetzt, wäre es mit Sicherheit niemals zu einem Tübinger „Mohrenkopf“-Streit gekommen. Denn kein Bäcker wäre im Ernst auf die Idee verfallen, eine Eischnee-Neuschöpfung als „Tübinger Negerküssle“ auf der Chocolart zu präsentieren.

Dieses Werbeplakat unbekannten Datums ist doch geradezu eine Aufforderung an all die ... Dieses Werbeplakat unbekannten Datums ist doch geradezu eine Aufforderung an all die Faschingswitzbolde. Bild: Katalog „Exotische Welten“

Der Begriff „Neger“ ist noch belasteter als Mohr, aus dem Mund von Weißen jedenfalls geht er gar nicht. Bei „Neger“ denkt man an hart arbeitende Sklaven, die auf Baumwollplantagen im amerikanischen Süden ausgebeutet werden und an die unter anderem von „Neger Jim“ (in der Ballade von Hanns Eissler) beklagte Rassentrennung. Bei Mohr denkt man zunächst mal an Niedliches, an Nippesfigürchen, Exoten aus dem Morgenland, die von ähnlich edler Herkunft sein können wie das Mitglied aus dem bekannten Weisen-Trio.

Der Name Mohr, der sich von „Maure“ ableitet, wird erst im 16. Jahrhundert mit Schwarzafrikanern verbunden. Er entspricht einer Vorstellung aus vorkolonialer Zeit, einem Bild des Fremden, das man anstaunen und mit dem man sich schmücken kann. Der „Neger“ ist dagegen das Arbeitstier, es wird verschleppt, wohin die Kolonialherrn wollen – es ist wild, nackt, unzivilisiert und empfindungslos.

Der „Mohr“ ist ein Kunsttitel und etwas freundlicher diskriminierend, „Neger“ ist der offenere Schmähbegriff. Doch beide Namen, die man Schwarzen verpasste, sind von der Herablassung der Weißen geprägt und davon, dass Menschen anderer Hautfarbe als rassisch minderwertig eingestuft wurden.

Der Mohr hat kein individuelles Gesicht. Es ist reduziert auf dicke Lippen, Kulleraugen, Stupsnase und blitzendes Weiß von Augen und Zähnen. Die Exekution des Mohren als Mohrenkopf ist nur eine der Varianten im Umgang mit der Klischeefigur.

Der Mohr wird auf Bildern gerne als Ganzes gezeigt. Man steckte ihn in hübsche Fantasie-Uniformen. Nach dem Motto: Der schönste Soldat von allen ist der Diener. Er wird mit einer Livree mit Goldtressen und glänzenden Knöpfen ausstaffiert. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde er zum Dekor-Domestiken. Man ließ sich mitsamt Mohr, Kindern und Affen in Öl malen. Zum Anbeißen niedlich – „possierlich“ schrieb der 17-jährige Joseph von Eichendorff entzückt über einen „Mohrendiener“ in sein Tagebuch.

Der Mohr polierte bürgerliche und adlige Häuser auf, er war Fachkraft fürs Weltmännische. Denn der Mohr ist vielseitig: Dunkel wie ein Schwarzafrikaner, kommt er aus dem Morgenland und trägt einen Turban wie ein indischer Maharadscha.

Der Mohr ist eigentlich ein Mohrendarsteller. Die Mohrendarsteller waren im Kolonialhandel Handelsware. Ihre Preise richteten sich nach Geschlecht, kräftige Männer waren teurer als Frauen. Die große Nachfrage nach Schwarzafrikanern in Amerika ließ die Preise steigen. In Europa wünschte man sie sich als Portiers und Diener. Auch Hofkapellen hielten sich gerne einen schwarzen Pauker oder Trommler.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Mohren zu 1a Werbeträgern. Sie standen für alles, was schwarz ist: Schokolade, Kaffee, Schuhwichse. Aber auch für alles, was weiß macht: Zahncreme oder Waschmittel. Und dann auch noch für das, was von weit her kommt: Zigaretten, Tabak, Kautschuk.

Die berühmtesten Mohren heißen wohl Othello ( Mohr von Venedig) und Sarotti-Mohr. Beide entsprechen dem Bild des Mohren perfekt: Sie sind so falsch wie der gesamte Mohr. Der „Mohr von Venedig“, den Shakespeare um 1603 einer italienischen Novelle nachempfand, sei eigentlich Maure gewesen, und der Sarotti-Mohr soll seinen Ursprung in der Adresse der Firma in der Berliner Mohrenstraße gehabt haben.

So schließt sich der Kreis zum „Tübinger Mohrenköpfle“, das allerdings weder ein maurisches Vorbild hat noch zu einer Tübinger Adresse passt. Es schmeckt also sehr künstlich historisierend und suggeriert dabei im „-le“ auch noch falsche Gemütlichkeit. Wir empfehlen: Köpfle ab! Ulla Steuernagel / Bild: Metz

Info: Die meisten Informationen stammen aus Wikipedia und den Katalogen „Exotische Welten – europäische Phantasien“ und „Das exotische Plakat“, Stuttgart 1987.

31.12.2012 - 08:30 Uhr

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