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Kurz vorm Jubiläumsjahr

Das Regionaltheater Lindenhof steht gut da

„Provinztheater mit bundesweitem Ruf“ hatte „Focus online“ gestern auf der Schwäbischen Alb ausgemacht: Ein durchaus anerkennendes Etikett für das Melchinger Lindenhoftheater, so kurz vorm 30. Geburtstag. Eine Spielzeitbilanz samt Ausblick in die nähere Zukunft.

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Wilhelm Triebold
Buntes Treiben allerorten: Der Melchinger Lindenhof, hier mit der „Gesellschaftsmaschine“ der ... Buntes Treiben allerorten: Der Melchinger Lindenhof, hier mit der „Gesellschaftsmaschine“ der Mössinger Pausa-„Schutzsuchenden“ Bild: Lindenhof

Melchingen. Im kommenden Mai gibt es das bundesweit einzigartige Regionaltheater 30 Jahre und damit einen triftigen Grund zum ausgiebigen Feiern. Kurz vorher wollen die Gründer und Bewahrer des Theaterprojekts, Alte wie nachwachsende Junge, den Lindenhof in eine Stiftung umwandeln. Auch das dient der Zukunftssicherung.

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Getragen wird der Melchinger Lindenhof hauptsächlich vom Land, von drei Nachbarlandkreisen, von der „Sitzstadt“ Burladingen und von 14 Partnerstädten, die jeweils zwischen 5000 und 30 000 für feste Gastspiele von der Alb bereitstellen. Ein solides, stabiles Fundament, auf der die Lindenhöfler mit frei verkauften Vorstellungen weiter aufbauen: „Gefühlt war die Spielzeit schlechter, als die Zahlen es schließlich sagen“, wundert sich Ko-Intendant Stefan Hallmayer. Denn in der abgelaufenen Saison erreichte der Lindenhof immerhin 42 000 Zuschauer, die rund 16 000 Besucher der bisher sieben Mössinger Pausa-Aufführungen von „Die Schutzsuchenden“ eingerechnet.

Auch die zweite Pausa-Staffel im September gilt bereits als ausverkauft. „Ich finde die temporäre Bespielung der Halle im Rohzustand gut“, sieht Hallmayer nun keinen weiteren Druck, auf dem Pausagelände umgehend „ein Theater zu bauen“. Gut Ding will Weile haben, und als nächstes Großvorhaben ist im kommenden Sommer erstmal wieder Tübingen dran, wenn Melchingen dort turnusgemäß das Sommertheater übernimmt.

„Wir prüfen Schiller“, lässt Hallmayer immerhin schon heraus. Der Spielort, für die sommerlichen Schauspielabenteuer der kreativen Melchinger mindestens ebenso wichtig wie das Stück selber, steht zwar noch nicht fest. Grundsätzlich hält Hallmayer aber „die alten Konzepte für aufregender“ – neue Räume zu erschließen, statt sich nur auf überschaubare Dauer-Plätze à la Schlosshof zurückzuziehen.

Friedrich Schiller kommt den Lindenhöflern noch aus einem anderen Grund in den Sinn: Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen, die vom Melchinger „Theatertreffen“-Debüt neulich recht angetan schienen, würden sich bei einer neuerlichen Zusammenarbeit gewiss gern etwas zu ihrem Festival-Schwerpunkt Schiller wünschen. Parallel dazu (und zum Tübinger Freilicht-Theater) beschäftigen sich die unermüdlichen Melchinger vorm nächsten Sommer gleich noch mit einem weiteren Großprojekt: In der Tradition des Bürgerbeteiligungstheaters in Stetten am Kalten Markt kommt dort ein eigens geschriebenes Stück zum Stettener Kult-Kaufhaus Pfeiffer heraus, das vor einigen Jahren komplett abgetragen und jetzt im Freilichtmuseum von Neuhausen ob Eck wieder aufgebaut wird.

Hallmayer stellt die anstehende Spielzeit unter das Motto „Freiheit denken“. Sie beginnt diesmal relativ früh, bereits am 9. September mit der Wiederaufnahme von „Theatertreffen“ und am 17. September mit der ersten Premiere. Hallmayer selbst und sein Sohn Luca Zahn beschäftigen sich mit einer Theaterversion nach Kleists „Kohlhaas“, und zwar in Form eines „frontalen Erzähltheaters“. Wie lässt sich diese Geschichte vermitteln, mit ihren „zwei Seelen“, wie Hallmayer sagt; dem „Racheengel“ und jenem, der lieber gütlich und besänftigend sein möchte? Äußerst spannend hier wiederum die Regie-Aussichten: Mit Antú Romero Nunes holen sich die Melchinger einen der jungen Shooting Stars der Theaterszene; der als nächstes am Berliner Maxim-Gorki-Theater Fritz Katers szenische Miniatur „Keiner weiß mehr 2 oder Martin Kippenberger ist nicht tot“ aus der Taufe heben darf. Der 27-jährige Tübinger Nunes ist mittlerweile Gorki-Hausregisseur, den Melchinger aber aus alten Tagen verbunden.

Zum Jahreswechsel möchten die Melchinger ihre Theaterscheune für einen Stagione-Betrieb herrichten: 20 Mal spielen sie dann eine abgedrehte Eigenproduktion mit dem Arbeitstitel „Schwabeninsel“, in der es um angeblich auf die Kerguelen ausgewanderte schwäbische Krautbauern geht. Die Idee lieferte eine Faschingssendung des SWR, verrät Hallmayer. Der hiesige Autor, Musiker und Regisseur Heiner Kondschak bastelt derweil an seiner Fassung des „Don Quichotte“, der Anfang nächsten Jahres in Melchingen herauskommt.

Knapp ein Dutzend Produktionen hat der Lindenhof weiterhin im Repertoire, und noch einmal so viele Koproduktionen. Für jeden etwas, fast so wie das Kaufhaus Pfeiffer. Arbeitstitel dort: „Mitten im Dorf oder Der Krämer als Eigenbrötler“.

Das Melchinger Lindenhoftheater in Zahlen

Von den 42 000 Zuschauern der vergangenen Spielzeit kamen über 22 000 entweder zu den über 230 Vorstellungen (davon knapp 160 eigene) nach Melchingen oder aber zu den bisher sieben Mössingen Aufführungen in die Pausa. Als reisendes Theater erreichte der Lindenhof wiederum 20 000 Zuschauer in 90 Abstecher-Aufführungen. Die Auslastung blieb etwa gleich, hundert Prozent erreichte nur die Ausnahme-Produktion „Die Schutzsuchenden“.

Der Gesamtetat liegt bei 1,3 Millionen Euro. 430 000 Euro steuert das Land bei, 225 000 Euro kommen als kommunale Mittel dazu, wovon 55 000 Euro Zuschüsse und 170 000 die garantierten Gelder der 14 Partnerstädte sind.

13.08.2010 - 08:30 Uhr

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