Die Jazz- und Klassiktage bieten in diesem Jahr etwas völlig Neues – ein integriertes „Tübingen Opera Festival“. Dessen Stargast ist der katalanische Tenor-Veteran Jaume Aragall.
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Wilhelm Triebold
Von wegen auf Tauchstation: Patrick Bebelaar greift beherzt in Bachs modellhafte Vorlage „Die Kunst der Fuge“.
Tübingen. Im ersten Jahrzehnt lösten die Tübinger Jazz- und Klassiktage zumeist mehr den ersten Teil ihres Namens ein: Die Schräglage zwischen Jazz- und Klassikterminen war zweifellos bedenklich und bedauerlich. Veranstalter Sven Gormsen beklagte zwar dieses Missverhältnis, wusste aber auch keine Abhilfe zu schaffen. Denn schließlich beruht das „Geschäftsmodell“ der Jazz- und Klassiktage immer darauf, wie sehr sich die lokalen Musiker und Musikveranstalter von sich aus einbringen.
Meisterin des Scatgesangs: Die Schwedin Rigmor Gustafsson.
Zwar stammen auch in diesem Herbst die meisten der mehr als 70 Festival-Veranstaltungen aus dem Bereich des Jazz. Vermehrt gibt es allerdings Crossover-Versuche, also Grenz- und Genreüberschreitungen. So treffen etwa am 20. Oktober in der Stiftskirche zwei Tübinger Musiker aufeinander, die jeweils auf ihrem Gebiet seit Jahrzehnten verlässlich Garanten für musikalische Qualität sind: Horst Allgaier, der Hauptorganist der Tübinger Stiftskirche, und der Vibraphonist Dizzy Krisch.
Weggefährte der noch etwas berühmteren Drei Tenöre: Jaume Aragall.
Die Jazz- und Klassiktage beginnen am 15. Oktober – wie bewährt mit der Altstadt-Aktion „beswingt einkaufen“ und dem abendlichen Schwerpunktkonzert, diesmal mit dem Kusterdinger Landesjazzpreisträger Patrick Bebelaar samt musikalischen Freunden. Teil des Abends ist Bebelaars Projekt „Gegenwelten – Abgesang“, mit dem er 2008 im Auftrag der Stuttgarter Bachakademie Bachs „Kunst der Fuge“ auseinandernahm.
„Swing aus dem Alten Europa“, am 17. Oktober im LTT als CD-Vorstellung: Die Tübinger Hot Club Harmonists. Agenturbilder
Dem vorgeschaltet ist bereits am 14. Oktober ein „Prélude“ in der Rottenburger Zehntscheuer: Rudresh Mahanthappas „Indian American Jazz“, eine bemerkenswerte Begegnung über Stil-, Genre- und Kulturgrenzen hinweg. Die Bigband des Hessischen Rundfunks trifft da auf den in Italien geborenen, von indischen Einwanderern abstammende US-Amerikaner Mahanthappa, den vielseitigen Saxophonisten und Komponisten.
Er tritt am 19. Oktober in der Liquid Bar der Kelter auf: Gypsy-Gitarrist Gismo Graf
Weitere Highlights sind die Auftritte des Ausnahmetrompeters (und Grafikers) Herbert Joos am 16. Oktober oder der Sängerin und diesjährigen Jazzpreisträgerin Anne Czichowski mit Quintett am 20. Oktober. Die schwedische Scat-Queen Rigmor Gustafsson gastiert mit ihrem Trio am 17. Oktober, und am 21. Oktober begegnet deutsche und chinesische Lyrik dem Weltmusikduo Dong West („Hölderlin lebt in China“). Und unter dem Label „Wüste-Welle-Bigband“ formiert sich erstmals ein Ensemble, zu dem eine Szenegröße wie Eberhard Budziat gehört.
Die Stärke des enorm kostengünstigen (und nur gering bezuschussten) Festivals liegt darin, dass die Mehrheit der Künstler aus Tübingen und aus der Umgebung kommt. Es handelt sich also „um ein regionales Ereignis im besten Sinne“, wie die Veranstalter finden. Gut vertreten sind wiederum die beiden Tübinger Musikschulen: Die aus der Frischlinstraße ebenso wie der Jamclub. So nimmt zum Beispiel am 22. Oktober im Landgericht der Musikschul-Förderverein das „Cello ins Kreuzverhör“. Am selben Abend treffen die Sax&phon Company der Musikschule und Double Trouble des Jamclubs auf das Tanztheater Treibhaus. Und am 23. Oktober, dem Schlusstag der Jazz- und Klassiktage, spielt das Jugendsinfonieorchester der Tübinger Musikschule in der Neuen Aula.
Dort präsentieren sich erstmals die ganz jungen Musiker unter dem Siegel „U21“, darunter die Sieger des Kompositionswettbewerbs „com_ponere“, den die Jugendmusikschule in Zusammenarbeit mit den Jazz & Klassik Tagen ausgelobt hat. Am 1. September endete die Bewerbungsfrist, und momentan berät noch eine Jury, welche(r) von den sieben jungen Einsender(inne)n im Alter von 13 bis 18 Jahren die eigene Komposition am Konzertabend (mit Brahms und Britten im weiteren Programm) dann hören darf.
Ein absolutes Novum ist diesmal, dass gleich ein ganzes Festival ins Festival integriert wird: Das erste „Tübingen Opera Festival“. Dahinter steckt in erster Linie der Tübinger Heldentenor Massimiliano d’Antonio. Er hat dafür mit Jaume Aragall einen lange international gefragten Tenor-Kollegen gewonnen, dessen beste Opernjahre zwar schon eine geraume Zeit hinter ihm liegen (kein Wunder, bei einem 72-Jährigen), der aber seine immense Erfahrung während eines fünftägigen Meisterkurses weitergeben will,
Vom 17. bis zum 21. Oktober unterrichtet der Mann aus Barcelona seine temporäre Tübinger Meisterklasse, flankiert von der Stiftungslektorin des italienischen Außenministeriums, der Italienischlektorin am Tübinger Romanischen Seminar, Bianca Baratelli. Sie wird den Teilnehmern des Meisterkurses die richtige italienische Aussprache beibringen, für die zumeist italienischen Opernarien auch unerlässlich.
Die große Oper erklingt dann am 22. Oktober mit der Gala des Aragall-Meisterkurses und mit zwei Konzerten am 23. Oktober, bei denen Impresario Massimiliano d‘Antonio zusammen mit internationalen Solist(inn)en auftreten wird. Klavierbegleiter Domenico Monaco hat am 22. Oktober noch einen eigenen Auftritt mit Opern-Paraphrasen.
Mehr als 60 verschiedene Veranstaltern tragen auch diesmal wieder die Jazz- und Klassiktage. Nachdem Sven Gormsen, im letzten Jahr Krach schlagen musste, weil drohende Zuschusskürzungen das Festival zu drangsalieren drohten, sieht er jetzt „schon optimistischer“ in die Zukunft, ohne völlig entspannt zu sein. Im Oktober entscheidet der Gemeinderat darüber, ob der städtische Zuschuss nicht doch um 2000 Euro aufgestockt wird, auf dann 7000 Euro. Nötig wäre über kurz oder lang aber eine Größenordnung von 12 000 bis 15 000 Euro, meint Gormsen. Es bleibt dabei: „Wir sind personell und räumlich zu schlecht aufgestellt“, bemängelt Gormsen.
Was er auf keinen Fall möchte: „Dass das Festival irgendwann in Unwürde vor sich hin altert“. Positiv stimmt Gormsen allerdings, wie das „Markenzeichen“ der Jazz- und Klassiktage, das „regional ist genial“, doch von manchen vor Ort erkannt und unterstützt wird. Zu den immer noch zu wenigen Geldgebern gehören auch diesmal wieder die Tübinger Sparkasse und der Einzelhandel.
Die neue Zusammenarbeit mit dem „Tübingen Opera Festival“ ergebe „für beide Seiten Vorteile“, findet Gormsen. „Eine wirklich klassische Win-win-Situation.“ Vielleicht wird dauerhaft etwas daraus.
Info: Ab Ende September liegt das Programmheft überall in der Region aus. Weiteres wird auch auf der Homepage www.jazzklassiktage.de nachzulesen sein.