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Die Mimik der Saitenwürstchen

Das Künstlerduo NERZ KG verwurstet Liebe und Alltag

Tübingen.„Ich wollte nicht das Leben meiner Mutter. Ich wollte Schaumwein in einer grünen Flasche“, spricht lakonisch eine Stimme aus dem Off (Anne Berg), während auf der Leinwand ein Kommoden-Stillleben mit Kaktus und gerahmten Würstchen zu sehen ist. „Beim Kochen handelt es sich zu mindestens achtzig Prozent um Trennen und Verschmelzen.

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Damit sind nicht nur Beziehungen beschrieben, sondern auch das filmische Prinzip der Bild- und Textcollage „Comestible“. Das Tellerstück zeichnet in fünf Akten einen möglichen Beziehungsverlauf mit Wurstspezialitäten nach.

Auf der Leinwand rücken sich zwei Charakterdarsteller auf die Pelle, dem Publikum läuft das Wasser ... Auf der Leinwand rücken sich zwei Charakterdarsteller auf die Pelle, dem Publikum läuft das Wasser im Mund zusammen: Filmabend im Künstlerbund.Bild: Wegner

Die NERZ KG alias Betina Panek und Brigitte Braun beschäftigt sich seit längerem mit Wurstwaren. Die Saiten-Würstchen-Fotos waren zum Beispiel schon in der Ausstellung „Junge Kunst“ in Reutlingen zu sehen. „Man kann mit vielen Materialien arbeiten, im Moment sind’s halt die Würstchen“, sagt Brigitte Braun. Das Material Lebensmittel dient den Künstlerinnen gleichzeitig zur Verfremdung und Veranschaulichung von Gefühls- und Alltagsleben.

Am Anfang war es ein heruntergefallenes Mini-Würstchen-Glas, welches Brigitte Braun, die übrigens Vegetarierin ist, eigentümlich anrührte. „Da lagen sie, die kleinen nackten Würstchen.“ Ein anderer Unfall, aus der „Wurstserie“ der Schweizer Künstler Fischli und Weiss, taucht als Bild-Zitat und Hommage an den 2012 verstorbenen David Weiss in der Videoarbeit auf.

Auf der Leinwand liegen einzeln und paarweise Würste. In Löffelchenstellung, kreuz und quer auf weißen Tellern mit blauen Blümchen. Mal sehnsuchtsvoll schauend, dann wieder keck, zerrissen, auch leidenschaftlich, schlüpfrig, mit Senf verschmiert. Die schnellen Schnitte auf Wurstenden und -Köpfe, die Detailfahrten der Kamera entlang von Messern und Gabeln hauchen den Objekten Leben ein. Die Würste werden Charaktere.

„Sein linkes Auge war von einem verträumten Blaugrün, während sein rechtes Auge so braun wie Zartbitterschokolade schimmerte.“ Eingesprochene Sätze aus Texten von Herta Müller, Rose Tremain und anderen begleiten die Bilder und brechen sie gleichzeitig ironisch. „Ich habe einen Mann, und ich gedenke, ihn zu behalten. Er hat einen Blick, der durch einen hindurchgeht wie durch eine frisch geputzte Fensterscheibe.“

Dazwischen machen Szenen mit Bildern aus dem häuslichen Alltag das Vergehen von Zeit schmerzlich sichtbar: Brotschneidemaschinen, Waschmaschinen, Berge von Geschirr, die schrumpfen und wachsen, Kühlschränke im Zeitraffer, zerwühlte Betten. Man sieht, worauf das alles hinsteuert: den Bach herunter. Beziehungsweise – um im Bild zu bleiben – den Abfluss hinab oder Richtung Siedepunkt.

Das Schlussbild zeigt zwei Würste in einem Topf mit brodelndem Wasser. „Entschuldige bitte, stieß er hervor. Sprang auf und verschwand.“

Was hängen bleibt, ist auf der Leinwand Schaum und Schlonz im Abflusssieb, Wehmut und melancholische Verzauberung beim Zuschauer. Zum Glück gibt’s noch ein Wurstbrötchen, in das man zum Trost beißen kann.Jessica Sabasch

Info: Auf die Suche nach dem Liebesglück begibt sich heute Abend Anne-Christine Klarmann in ihrem Video „Kleiiner Film über die Liebe“. Das Finale der Filmwoche im Künstlerbund gestalten am Samstag Dietmute Zlomke (Performances) und Carola Dewor (Videoarbeiten). Filmbeginn ist jeweils um 20 Uhr.

01.03.2013 - 08:00 Uhr | geändert: 01.03.2013 - 08:11 Uhr

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