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Medusa muss nicht zum Frisör

Claudio Magris vor 150 Zuhörern im Gespräch

Tübingen. Ursprünglich sollte es bei dieser Veranstaltung um das Buch „Die Welt en gros und en detail gehen“.

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Peter Ertle
Claudio Magris Claudio Magris

Aber da es sowieso hauptsächlich um dessen Autor, um Claudio Magris gehen sollte, war es dann am Mittwoch Abend in den oberen Museumssälen auch ziemlich egal, dass kurzfristig seine kleine, moderne Orpheus und Eurydike-Version „Verstehen Sie mich bitte recht“ in den Mittelpunkt gerückt wurde, deren Titel immerhin die rechte Antwort auf die teils einfallslos-erwartbaren, manchmal etwas schlecht informierten und dann wieder bizarren Fragen von SWR-Moderatorin Bernadette Schoog zu sein schien.

Eher zu viel

Sehnsucht

Sie hätte irgendwo gelesen, dass er nie Sehnsucht empfände, auch nicht nach Menschen, sagte sie einmal. „Nein!“ entgegnete Magris erschrocken und erklärte, wie er es gemeint habe: Dass eben jeder Mensch, den wir getroffen, jedes Buch, das wir gelesen hätten, ja jede Erinnerung gegenwärtig sei, dass es so betrachtet nur die Gegenwart gebe, doch, doch, er selbst habe vermutlich mehr Sehnsucht als gut wäre.

All dies tat der europäische Intellektuelle, Romancier und Kolumnist unter anderem der „Corriere della Sera“ höflich, freundlich und in einem – auch für einen in Triest deutsche Literatur lehrenden Dozenten – auffallend makellosem Deutsch. Die Lesung überließ er trotzdem einer Osiander-Buchhändlerin.

In seinem Buch, einer großen Allegorie, lässt er Eurydike sprechen. Sie ist hier eine alte Frau im Seniorenheim, die von ihrem ehemaligen Geliebten, einem Dichter, besucht wird. Er will sie wieder mit nach draußen nehmen. Doch als sie vermutet, er besuche sie vor allem, weil er über dieses Heim „die andere Seite der Welt“ und seinen mysteriösen Direktor kennenzulernen hofft (natürlich auch, um darüber zu schreiben), erspart sie ihm die Enttäuschung und vermeidet so zudem die Ernüchterung eines langweiligen, gemeinsamen Lebens danach.

Woraus Bernadette Schoog gleich die Unvermeidlichkeit der Desillusionierung herauslas, vermutlich hatte sie Magris' Buchtitel „Utopie und Entzauberung“ im Hinterkopf, aber nicht gelesen und daher einseitig verstanden. Und so half Magris nach: Nein, nein, Wiederholungen führten ganz und gar nicht automatisch zu Langeweile und Ernüchterung, es gebe auch kreative Wiederholungen, Freundschaften, die über die Jahre wüchsen, Sex sei beim erstenmal selten der beste, auch sei Entzauberung ein Segen für alle, die glaubten, endgültige Antworten zu besitzen.

Ob er im Alter euphorisch wäre, wollte Bernadette Schoog nun wissen. Ob er was wäre? fragte Magris nach, um dann statt von Euphorie von Zuversicht zu sprechen, die er trotz der Misslichkeiten der Welt bejahen könne.

Der Frieden als

Meisterwerk

Weiter sprach Magris über die Tagseite und die Nachtseite des Schreibens. Zur Nachtseite gehörende unangenehme Wahrheiten und dunkle Gründe müsse man akzeptieren, oder, wie er in einem Bonmot sagte: „Wer Medusa begegnet, kann sie nicht einfach zum Frisör schicken.“ Allerdings dürfe man mit dem Schrecken nicht kokettieren, auch seien amoralische Einsichten oder einmal erkannte Aussichtslosigkeiten keine Alternative zum moralischen, vernunfthellen Streben nach dem Besseren. Er selbst komme immer wieder den Pflichten politischer Einmischung nach, aber nur, wenn es sein müsse, gern täte er es nicht. Über den Friedenspreis des deutschen Buchhandels habe er sich trotzdem – oder gerade deshalb – besonders gefreut. „Der Frieden ist wichtiger als ein literarisches Meisterwerk, der Frieden ist das größte Meisterwerk.“

22.01.2010 - 08:30 Uhr
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