Mercedes statt Ikea: Alles, was vier Räder hat, ist für Martin Schlund ein poten-zielles Möbelstück. Seit zwei Jahren schraubt der Tübinger erfolgreich an edlem Interieur für Pkw-Enthusiasten.
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Eike Freese
Der Käfer für Schläfer: Automöbel-Designer Martin Schlund baut alte Karossen zu lackglänzenden Betten, Schreibtischen und Schränken um. Bild: Franke
Kreis Tübingen. Die Flex kreischt, Vögel flattern aufgeschreckt umher. Martin Schlund ist bei der Arbeit. Sein Material: der fleckige Motorblock eines Ami-Schlittens. Sein Ziel: ein dekoratives Tischchen für das Schlafzimmer. Martin Schlund ist Automöbel-Designer. Aus rostigen Schrottkarren wird in seiner Werkstatt glänzendes Interieur. „Es war ein runder Geburtstag, an dem ich mir überlegt habe: Da muss doch noch etwas anderes kommen in meinem Leben“, sagt der studierte Archäologe und spätere Fitness-Trainer.
Ein Doppelbett im „Herbie“-Look
Der Mann, der sich mit einem Kumpel kurz nach dem Mauerfall einen Trabbi besorgte, um daran herumzusägen, lebt mittlerweile hauptberuflich von seinem Hobby. In München gründete er vor zwei Jahren sein Geschäft, wenig später richtete er sich am Bahnhof von Bad Niedernau eine Werkstatt ein. „Diese Gegend ist einfach ein Auto-Land“, sagt Schlund. „Die meisten Aufträge kommen von hier, also habe ich den Lebensmittelpunkt mit meiner Frau nach Tübingen verlegt.“ Mit einem Sideboard aus einem Mini Cooper fing alles an. Inzwischen baut Martin Schlund VW-Betten im „Herbie“-Look, Schreibtische aus Mercedes 280 und Schränke aus Cadillacs. Für den schmaleren Geldbeutel hat er Garderoben aus Zylinderköpfen oder Schlüsselbretter aus Motorhauben im Angebot.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Zwei Privatsender kamen jüngst nach Bad Niedernau, um den Kreativen bei der Arbeit zu filmen. Schlunds bislang größter Wurf ist die Innenausstattung des „V8“-Hotels im Meilenwerk Böblingen, das dieser Tage eröffnet. Der Künstler ist dort für die Einrichtung diverser „Themenzimmer“ verantwortlich. Autonarren und ihre Familien nächtigen in Böblingen in Räumen mit „Werkstatt“-, „Rennsport“ oder „Nostalgie“-Ausstattung. „Das ist ein Auftrag der nicht alle Tage kommt und der mich bei aller Kreativität und Begeisterung auch viel Schweiß gekostet hat“, sagt Schlund.
Als waschechten Genius kann sich Schlund ohnehin nicht wahrnehmen. Zu viele Stunden steckt er ins handwerkliche Lackieren, Schweißen und Schrauben seiner Werke. Das ist der Hauptgrund dafür, dass seine Möbel nichts für Spontankäufer sind, sondern Liebhaberstücke. Handwerk hat seinen Preis. „An einem Bett aus einem VW Käfer sitze ich nach der Planungsphase noch gute 80 Stunden“, erzählt der 39-Jährige.
Zum Preis addieren sich zudem Materialkosten, die meist nicht gering sind: Für den beliebten Mercedes 280 werden auch im schrottreifen Zustand gut und gerne 2000 Euro fällig. „Dabei reize ich natürlich alle Möglichkeiten aus, den Preis zu drücken“, so Schlund. Der Wahlschwabe recherchiert im Internet nach den bundesweit günstigsten Angeboten – und fährt dann, wie neulich erst, auch mal über Nacht nach Lübeck, wo er einen Cadillac aus den 70ern aufgestöbert hatte.
In seiner Zweiraum-Werkstatt am Bahnhof Bad Niedernau arbeitet Schlund stets allein. Erfahrung zählt, jedes Stück ist ein Unikat. „Die Autos sind zum Teil so eigensinnig, da macht es keinen Sinn, wenn ich Arbeit abgebe“, so das gebürtige Nordlicht. Mittlerweile hat Schlund die meisten Widernisse seines Metiers kennengelernt. Die dünnen Bleche der alten Franzosen oder Italiener, der asymmetrische Aufbau eines VW Käfer – auch im Leben eines Automöbel-Designers sind Lehrjahre keine Herrenjahre.
Geschäftsleute und Auto-Freaks
Die Komplexität seines Handwerks ist wohl ein Grund dafür, dass es deutschlandweit kaum Konkurrenz für den Tübinger gibt. Schlund hat erfolgreich eine Nische besetzt. Wer im Internet nach „Auto“ und „Möbel“ sucht, landet direkt auf der Bad Niedernauer Werkstatt-Seite. Dementsprechend oft klingelt das Telefon. „Ich muss viele Anfragen ablehnen, weil die Kunden oft illusorische Vorstellungen davon haben, wie viel so ein Automöbel kosten darf“, berichtet Schlund. Bei Betten aus Schrott denkt kaum jemand gleich an eine größere Investition.
Trotz der teils hohen Preise ist die Automöbel-Kundschaft aber bunt gemischt: „Natürlich sind da viele Geschäftsleute, die etwas Exquisites für ihre Firmenräume wollen. Es gibt aber auch den ganz normalen Auto-Freak oder die Hausfrau, die ihrem Mann eine Freude machen möchte.“ Auch der Künstler selbst schläft automobil, in einem feuerroten VW-Käfer-Bett. Ein grüner Mini-Cooper-Sessel steht in der Nähe. Noch mehr Automöbel, so Schlund, sollen möglichst nicht in Wohnung. Man braucht ja schließlich noch ein Privatleben.