Ganz Bühnenmensch und das auf eine ungemein sympathische Art: Bernd Kohlhepp feierte mit „Die Räuber oder so…“ erfolgreich Premiere.
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Madeleine Wegner
Fühlt sich in vielen Rollen wohl: Bernd Kohlhepp.. Bild: Zimmertheater
Tübingen. „Einer der am meisten gespielten und am meisten missverstandenen Dichter, die wir im Schwäbischen nicht halten konnten“, sagt Bernd Kohlhepp über Schiller. Für ihn sei es ein langer Traum gewesen, „Schiller so zu spielen, wie er wirklich gedacht war“. Also war es höchste Zeit, dass der Tübinger Kabarettist Kohlhepp – manchen vielleicht besser als „Herr Hämmerle“ bekannt – mit „Die Räuber oder so …“ am Freitag im Zimmertheater Premiere feierte.
Unter der Regie von Axel Krauße wird Kohlhepp geradezu Eins mit Schillers Figuren, kostet Stimmungen und Charakterzüge aus. So interpretiert er Schillers Trauerspiel äußerst amüsant und nicht ohne Tiefgang. In den zahlreichen Rollen des Stückes lebt er sich aus – dabei spielt sich vieles in Details ab und drückt sich vor allem in Kohlhepps Mienenspiel aus. Ein Glanzmoment: Wenn Kohlhepp den Mord unter Räubern spielt und dabei in Zeitlupentempo von einem Körper in den anderen gleitet, fließend zwischen der Mimik des Ermordeten (Spiegelberg) und der des Mörders (Schweizer) hin und her wechselt.
Verpasste Chancen und Teppich zum Sterben
Überzeugend ist das Multitalent auch als Karl mit der ganzen Schwere seines Herzens und in den Tiefen seiner Verzweiflung oder als widerlicher Lüstling Franz, als altersgebrechlicher Diener oder als Pfarrer (dann mit einem Gesicht wie ein erdnussmahlendes Eichhörnchen). Und die Räuber! Sie bieten ein Potenzial, das Kohlhepp vollends ausschöpft: einer stotternd, einer mit Hasenscharte, der sich nur unverständlich artikulieren kann, Dialekt geprägte Sprache und einer überwiegend stumm.
Unvermittelt steigt Kohlhepp immer wieder aus der Rolle, um nicht nur in eine weitere zu schlüpfen, sondern um Personen und Geschehen zu kommentieren, erklärend einzugreifen, den Verlauf der Handlung zusammenzufassen. „Das hat der Schiller gut rausgearbeitet“, lobt er dann etwa mit Blick auf Karls herabhängendes Augenlid. Oder er tritt neben die Figuren, um – wieder ganz Kabarettist – Parallelen zu seiner eigenen Familiengeschichte zu ziehen.
Kohlhepp nimmt sich die Freiheit, Szenen mehrfach zu spielen oder vielmehr einzelne Sätze bis aufs Letzte auszukosten. Zu seinen Lieblingssätzen zählt dabei die Ankündigung Schweizers „Ha, ich will ihnen mit meinen Fangen den Bauch aufschlitzen, dass ihnen die Kutteln schuhlang herausplatzen!“. Der Räuber-Aufruf „Ladet die Gewehre!“ schafft es sogar auf fünf Wiederholungen.
Das Bühnenbild ist nicht üppig, aber dafür äußerst flexibel: Zwei Stehleitern, ein Teppich („da wird später drauf gestorben“), ein Stuhl und vor allem: eine große klappbare grüne Tafel, die mal Theke, mal Ahnengalerie mal Schlossturm ist. Den szenenweisen Umbau des Bühnenbildes übernimmt Kohlhepp selbst und zeichnet dazu an die Tafel kommentierend und detailverliebt Böhmer Wald, Bierhumpen oder das Antlitz Amalias. Mit dem Ende des Trauerspiels ist Kohlhepps Stück aber nicht vorbei. Schließlich gab es viele verpasste Chancen für ein früheres oder besseres Ende („Was hätte man daraus machen können!“). Für diesen Abend gilt: Was hat Kohlhepp alles daraus gemacht!