Reutlingen. Sonnenschein, Teich, Platanen und inmitten des romantischen Idylls Effi, die „Tochter der Luft“, auf der Schaukel. Die Mutter prophezeit eine Musterehe, der Vater besorgt die Einrichtung, die Freundinnen neiden und die frisch Verlobte freut sich kindlich über das Abenteuer: „Freilich, jeder wäre der Richtige…“ Das Monospektakel-Festival des Reutlinger Theaters in der Tonne, das in die zweite Runde geht, folgt dem Konzept „ein/e Darsteller/in in einem Stück“. Und das funktioniert auch mit Theodor Fontanes Effi Briest, wie Regisseurin Karin Eppler und Tonne-Schauspielerin Chrysi Taoussanis zeigen.
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Chrysi Taoussanis in Karin Epplers Erzähltheater nach Fontanes Effi Briest. Bild: Tonne
Die Romanvorlage komprimiert Eppler auf die wesentlichen Rollen und Handlungsstränge. Das Bühnenbild kommt mit einer Schaukel aus, die nur sporadisch zum Fenstersims oder zur Kutsche umfunktioniert wird und als aufdringliches Symbol für Effis Kindlichkeit und Neigung zu gefährlichen Situationen dient.
Effi, nun Frau Baronin von Instetten, bezieht das Haus ihres Gemahls. Ihre einzige Aufgabe in der beschaulichen Kreisstadt Kessin ist die Kontaktpflege zu „mittelmäßigen Menschen von zweifelhafter Liebenswürdigkeit“. Während ihr Gemahl, „ein Mann von Prinzipien und Grundsätzen“, die Karriereleiter weiterklettert, beginnt sich Effi im „Gespensterhaus“ zu langweilen – bei ihrem Zeitvertreib (Major von Crampas) lässt sie sich von ihrer Neigung nach dem „Schauer süßer Gefahr“ leiten.
Textfassung und Regie sehen eine Ausgeglichenheit zwischen beobachtendem Erzählen und einem permanenten Rollenwechsel der einzigen Darstellerin vor. Taoussanis setzt das kongenial um, agiert mit Sicherheit zwischen den Figuren und sorgt sogar für slapstickhafte Momente, etwa wenn sie Dialoge mit unsichtbaren Gesprächspartnern führt oder sich auf Gieshüblers Lieder-Abend ablenken lässt und den Kontakt zum Publikum sucht. Nebenrollen spart Eppler weitgehend aus – es sei denn, sie sind handlungsrelevant oder garantieren besonderen Unterhaltungswert. Köstlich mimt Taoussanis Mutter Luise Briest oder die unerträgliche Sidonie von Grasenabb.
Die Regisseurin gibt sich der Versuchung nicht hin, die gesellschaftliche Isolation der Effi mit dem Auftreten nur einer Darstellerin künstlich zu fokussieren. Nach ihrem Verstoß aus Ehe und Familie tritt Effi erst wieder in der Szene des tragischen Wiedersehens mit der Tochter nach drei Jahren auf. Liebesgeschichte, Briefwechsel und Gefühlsstrudel der Kindfrau zwischen der Schaukel im elterlichen Garten und der Kessiner High Society, zwischen „moralischer Unbescholtenheit“ und der „Macht des Verbotenen“ wird im Zeitraffer abgespielt.
Stattdessen rücken Text und Regie den wertenden, von fragwürdiger Moral und Tugend geleiteten Blick der Gesellschaft in den Mittelpunkt. Die Schlussworte lässt Eppler auch den Eltern Briest, deren stumpfes Kommentieren und Reflektieren sie leitmotivisch durch das Stück ziehen lässt: „Ob wir nicht doch schuld sind?“ – „Luise lass, das ist ein weites Feld.“
MORITZ SIEBERT
Info: weitere Termine am 28. Januar, am 12. und 25. Februar sowie am 4. und 10. März.