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Beinahe eine Totalitarismus-Debatte

Agnes Heller mit Däubler-Gmelin und Wertheimer im Pfleghof

Als recht streitlustig erwies sich am Samstag im Pfleghof Agnes Heller, Philosophin von Weltruf und ungarische Stimme der Vernunft.

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Wilhelm Triebold

Tübingen. In ihrem Heimatland regiert mit satter Zweidrittelmehrheit derzeit ein Machtpolitiker, den Agnes Heller bei jeder passenden Gelegenheit als Bonapartisten entlarvt. Wer allerdings erwartet hatte, die kämpferische 82-Jährige würde Regierungschef Viktor Orbán nun in die Reihe schlimmster Despoten stellen, sah sich getäuscht. Heller weiß aus klugem historischem Bewusstsein sehr wohl zu unterscheiden und zu unterteilen; und so versuchte die Lukacs-Schülerin den Totalitarismus-Begriff, den Moderator Jürgen Wertheimer unvorsichtigerweise in den Raum geworfen hatte, wieder ein wenig einzufangen.

Ausgerechnet Heller, mit deren Renommee sich Ungarn schmücken kann, wird zuhause heftig angefeindet. Das politische Rollback ist inzwischen so weit vorangetrieben, dass man die Jüdin als „Holocaust-Leugnerin“ diffamiert hat, als sie auf einem Podium rechter Legendenbildung entgegentrat. Im Gegensatz zu vielen anderen, die sich mittlerweile aus berechtigter Angst vor der durchmarschierenden Orbán-Gefolgschaft wegducken, vertritt die Nachfolgerin auf Hannah Arendts New Yorker Lehrstuhl ihre oppositionelle Meinung weiterhin furchtlos.

Und doch wendete sie sich als Philosophin auch in Tübingen gegen „die Eskalation der Begriffe“. Die Veranstaltung, die im Umfeld des Amnesty-Jubiläums (siehe Seite 20) gedacht war, firmierte unter „Literatur und Menschenrechte“. Doch für Heller büßt weniger die Literatur als eben der Mensch, der Künstler und Bürger, seine Rechte ein. Nicht die Freiheit des Ausdruck werde limitiert, sondern die Bedingung dafür. Die Leute fürchteten um ihre Jobs, die Selbstzensur ersetzt die Zensur: „Was wir brauche, ist Tapferkeit.“

So lustig war‘s nicht nur: Agnes Heller (Mitte) schien anfangs mit einigem nicht einverstanden, ... So lustig war‘s nicht nur: Agnes Heller (Mitte) schien anfangs mit einigem nicht einverstanden, was von Jürgen Wertheimer und Herta Däubler-Gmelin gesagt wurde. Bild: Faden

Einerseits sieht Heller in Ungarn eine heillos zerstrittene Linke. Andererseits entwickelten sich Gegenkräfte, auch publizistisch. Die Regierung, die vom Mediengesetz bis zu weiteren Einschränkungen schwerwiegende Verfassungsänderungen durchgepeitscht hat, antworte nicht auf diese Kritiker, „für sie existieren sie nicht.“ Auch dies erscheint bedenklich: „Kann das als Modell für andere europäische Länder gelten?“

Es ist auch die Sorge der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, die mehrfach die europäische Haltung in dieser Debatte einbrachte, um solch einer fatalen „Anpassungsdemokratur“ Einhalt zu gebieten. Wertheimers Versuch wiederum, die Diskussion in die Richtung menschheitsverdummender Infotainment-Politik alla Italia zu öffnen, verpufften angesichts der Entschlossenheit der alten Dame, streng beim Thema (oder wenigsten nahebei) zu bleiben.

Heller würde keine Sanktionen der EU gegen das Mitgliedsland Ungarn gutheißen. Um eine Gegenmacht zu aktivieren, unterstrich Däubler-Gmelin, brauche es aber europäische Solidarität. Und dafür erhielt die langjährige SPD-Politikerin Szenenapplaus, als sie dem ungarischen Autor Miklós Vámos auf seinen Einwurf, die Deutschen seien „sehr ungeduldig mit Ungarn“, antwortete, es gebe stattdessen eine ungeheure Sympathie“ für Ungarn, entstanden mit dem Öffnen des ungarischen Grenzzauns kurz vor der Wiedervereinigung.

In Ungarn, erläuterte Agnes Heller, gebe es keine Parteienstruktur wie in anderen Ländern. Zum Beispiel Fidesz, Viktor Orbáns Regierungspartei: Sie begann zwar als liberale Partei, wurde aber zunehmend bürgerlich und jetzt eben „bonapartistisch“. Ein „Konglomerat der Stimmen“ beklagt Heller, die in Ungarn eher einen „Friedhof der sogenannten Parteien“ ausmacht.

Wenn es stimme, dass dort in einer politischen Trümmerlandschaft nur Pseudoparteien auf Stimmenfang gingen, dann müsse umso mehr „Europa die Rolle des Friedhofsgärtners übernehmen“, folgerte Wertheimer. Er betonte aber, es werde „kein Scherbengericht über Ungarn“ abgehalten.

Dass sich Ungarn und Europa noch näher kommen müssten, das sieht auch Agnes Heller so. „Bislang werde die EU in ihrer Heimat mehr „als ökonomische Einheit, weniger als politischer Körper“ wahrgenommen“. Und „ein Europäer zu sein, das versteht ein ungarisches Kind noch nicht.“ Das ist es wohl auch, was dem Autokraten Orbàn, der auf die nationalistische Karte setzt, in die Hände spielt. „Demokratie versteht sich nicht von selbst“, mahnte Heller, „man muss sie sich Jahr für Jahr erarbeiten.“ Am Rande der Veranstaltung konnte eine Amnesty-Petition an die ungarische Regierung unterschrieben werden mit der Forderung, die umstrittene Mediengesetzgebung zurückzunehmen.

30.05.2011 - 08:30 Uhr

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