Reutlingen. Das Hamburger Audiolith-Label feiert derzeit seine 50. Veröffentlichung – auf Tour mit hauseigenen Bands und das gerne auch mal in Reutlingen. Da teilte Egotronic-Sänger Torsun kurzerhand das tobende Publikum in zwei Hälften, um die überhitzte Meute – genannt „wall of love“ – kurz darauf beim Einsetzen des Beats wieder aufeinanderklatschen zu lassen. Nackte Oberkörper gingen Hand in Hand mit Sturmhauben, Pudelmützen und linken Parolen und das bei gefühlten 120 Grad Celsius. Mit annähernd 600 Menschen war der Saal des franz. K zum Bersten gefüllt, auf der Tanzfläche vor der Bühne konnte zumindest keiner mehr umkippen – zu wenig Platz. Den Auftakt zu Exzess und Feierei bildeten Ira Atari und Rampue mit einer Melange aus elektronischer Tanzmusik und poplastigem Gesang. Was beim Publikum gut ankam und die Feierwilligen schon mal auf Betriebstemperatur für das Zürcher Technopunk-Duo Saalschutz brachte.
Das Publikum trug das Schweizer Technopunk-Duo Saalschutz auf Händen – oder eben stellvertretend auch mal sich selbst. Bild: Haas
Die spielen rockende Elektronikbeats und bedienen sich, wie Sänger MT Dancefloor sagt, „bei den Klischees der Popmusik. Es ist aber immer ein bisschen abgefuckter oder politischer, ich weiß auch nicht so genau.“ Heißt übersetzt: geht vom Trommelfell ins Hirn und übers Herz in die Beine.
Den Leuten jedenfalls gefiel die Mischung, frei nach einem Track des Duos: „Ich will Saalschutz, den ganzen Tag.“ Soviel Zeit war dann aber doch nicht, schließlich mussten das Berliner Elektropunk-Trio Egotronic ja auch noch auf die Bühne. Und da die sich mit ihren Computersounds in der linksalternativen Szene längst schon Heldenstatus erspielt haben, rannten sie mit rotzigen Beats und hedonistischer Partyattitüde quasi offene Türen ein. Der Saal tobte und Sprechchöre wie „nie wieder Deutschland“ und „Alerta Antifascista“ machten einmal mehr klar, dass Party und Politik einander nicht zwingend entgegenstehen müssen. „Die Antifa-Kids machen gut Stimmung auf den Shows und irgendwie kennt man auch die Probleme und die Motivation dieser Kids aus der eigenen Jugend“, meinte Audiolith-Booker Artur im Vorfeld. Die Motivation am Samstag Abend zumindest war klar: Tanzen, tanzen, tanzen.
Für tanzbare Musik und dicke Beats sind auch Plemo und Rampue berüchtigt, die nach Egotronic die franz. K-Bühne enterten – und die Mehrzahl der Anwesenden erfolgreich zum Weiterfeiern bewegen konnten. Dann gingen zwar im großen Saal die Lichter aus, der Party selbst tat das aber keinen Abbruch. Bis in den frühen Morgen wurde im Foyer des franz. K getanzt und gezecht – mit freundlicher Unterstützung von Saalschutz-DJ MT Dancefloor. Veranstalter Holger Kesten, dessen Radau & Rabatz-Parties auch schon eine Reutlinger Institution sind, war jedenfalls hochzufrieden. „War super, es hat einfach alles gepasst; die Stimmung, die Bands waren gut drauf und die Gäste haben tolles Feedback gegeben.“ Und weil das so ist, ist die nächste Veranstaltung schon in Planung: „Das wird auf jeden Fall wieder passieren.“ Ein fixer Termin ist die nächste Elektropunk-Party mit der Mediengruppe Telekommander im Mai.