Aktzeichnen für alle in der Kunsthalle – das gab es noch nie. Und selten war das Ambiente drumherum so passend – einerseits. Andererseits kontrastieren die lebenden Nackten auffällig mit den PinupBildern von Mel Ramos.
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Sarah juric
Nein, solche Posen hält man nicht von 18 bis 21 Uhr durch. Auch deswegen...Sommer
Tübingen. „Lesung über Migräne und Ernährung 20 Uhr“ steht auf der Tafel des Literaturcafés im Foyer der Tübinger Kunsthalle. Doch heute sind die Menschen hier, um am Workshop für Aktzeichnen teil zu nehmen.
... wechselten die Aufgaben-Stellungen für die Modelle stetig.Sommer
Die Haupthalle erstrahlt von weißem Neonlicht, überall Menschen: Studenten mit Blöcken, Rentner auf Klappstühlen mit Staffelei, Personen in allen Altersgruppen. Stehend mit Zeichenbrett, an der Wand lehnend, auf dem Boden sitzend oder liegend. Freunde, Einzelgänger, Professionelle, Laien.
Universitätszeichenlehrer Frido Hohberger (Mitte) erklärt sie dem tätigen Publikum wie auch den Zaungästen in den hinteren Reihen. Bild: Sommer
Und alle hören dem hin und her flitzenden Leiter des Zeicheninstituts, Frido Hohberger, zu. Der drei Modelle – zwei Männer und eine in Gold getauchte Frau – auf ihren Podesten instruiert. Mal stellen sie Buchstaben, mal Küchengeräte dar, mal ist das Ganze statisch, dann wieder dynamisch.
Schön erst mit dem Hässlichen
Seit letzten Samstag ist in der Kunsthalle die größte europäische Retrospektive des kalifornischen Pop-Art-Malers Mel Ramos zu sehen. Durch ihn lebt die Aktmalerei im 20. Jahrhundert nicht nur weiter, er macht sie der Masse zugänglich. Seine „Commercial Pin-ups“ persiflieren die Glücksversprechen der Werbewelt. Sie sehen dementsprechend anders aus als die drei Nackten, die heute Modell stehen. „Das Aussparen des Hässlichen ist auch Kennzeichen von Ramos. Dabei wird Schönes erst wirklich schön, wenn das Hässliche zugelassen wird, wenn das Leben zu einer existenziellen Begegnung wird“, wie Frido Hohberger sagt.
Manchen Kursteilnehmern geht der Posenwechsel der Modelle zu schnell, sie kommen gehörig ins Schwitzen. Die Aktmodelle weniger, es ist kühl, sie wärmen sich in kleinen Pausen an Heizstrahlern. Ihre Körper und Gebärden stehen in auffallendem Kontrast zu den ringsum hängenden Schönheiten. Hohberger gibt Anweisungen, Hilfestellungen, berät, prüft, ermutigt. „Die Fähigkeit zur Selbstkorrektur ist eine wichtige Sache. Also überprüfen sie ihre Zeichnungen nochmal. Wie steht das Becken. . .?“
Noch nie hat der Uni-Zeichenlehrer einen Aktzeichenworkshop für 150 Menschen durchgeführt. Kollektives Lernen und Machen, Kunst gleichzeitig mit dem Alltag zu verbinden, ist sein Ziel. „Laut Art-Magazin malen 32 Prozent. Aber in Bezug auf Deutschland geht es immer nur um das ‚Land der Dichter und Denker‘!“ so Hohberger. Er will „Zeichnen als Sprache und Ausdruck von Befindlichkeiten vermitteln, damit Menschen lernen sich mehr zuzutrauen und ihre Möglichkeiten wahrzunehmen“.
Und am Samstag dann der Meister selbst
Das Aktzeichnen ist nur eine von vielen Veranstaltungen im Begleitprogramm zur Mel-Ramos-Ausstellung. Der geschäftsführende Kurator Daniel J. Schreiber öffnet die Räume der Kunsthalle für Dialoge mit Kunstexperten und Kooperationspartnern wie dem LTT, der Volkshochschule, dem Zeicheninstitut und nicht zuletzt für Mel Ramos höchstpersönlich, der am Samstag um 15 Uhr selbst durch die Ausstellung führen wird.