Schall, Wahn und Meisterwerke
"Tocotronic"-Sänger Dirk von Lotzow im Interview
"Schall und Wahn", das neue Album der Hamburger Band "Tocotronic", war Anlass zu einem Gespräch mit Sänger Dirk von Lotzow.
UDO EBERL
Dirk von Lotzow bei einem Auftritt mit Tocotronic Foto: ddp
In Ihren Texten findet man Zeilen, die eigentlich auf Marmorsäulen gesprüht werden müssten. Steckt akribische Denkarbeit dahinter?
DIRK VON LOTZOW: Ehrlicherweise bin auch ich nicht immer fleißig. Ich bin gottfroh, dass ich in regelmäßigen Abständen Eingebungen bekomme und dann Texte eruptiv aus mir herausströmen. Ich schreibe meist in einem Zeitraum von sechs Monaten. Daher schöpfe ich dann aus demselben textlichen Kosmos und es entsteht auf einem Album so etwas wie ein roter Faden.
Wie entstehen Ihre Zeilen zwischen Poesie, Denkanstoß und Revolte.
VON LOTZOW: Die reine Niederschrift dauert oft nur zehn Minuten. Mir ist die Unmittelbarkeit sehr wichtig. Sei pedantisch in der Form und schlampig im Inhalt, könnte die Devise lauten. Eigentlich möchte ich nicht viel mitteilen. Der Fluss und die Form sind mir wichtiger. Ich bin auch kein Singer/Songwriter, obwohl ich Texte schreibe, die gesungen werden wollen. Ich bin jemand, durch den etwas spricht.
Ist "Schall und Wahn" ein Konzeptalbum?
VON LOTZOW: Ich weiß nicht wirklich wie man den Begriff Konzeptalbum fassen kann. Wenn damit so etwas wie "The Wall" gemeint ist, hat das mit unserer Arbeit nichts zu tun. Der Begriff hat auch so etwas Muffiges und Pompöses und ist unerheblich. Andererseits sind all die Platten von "Tocotronic" Konzeptalben, denn unsere Arbeitsweise ist der in der konzeptionellen Kunst sehr nahe.
Das Stück "Eure Liebe tötet mich" wirkt wie ein Rock-Monolith, aus dem ein Eingangstor für das Album gemeißelt wurde und Neil Youngs Crazy Horse reiten apokalyptisch hindurch.
VON LOTZOW: Dieses Stück ist wunderbar. Relativ unmodern, aber es spiegelt auch eine gewisse Antihaltung gegen die Formatierung von Rockmusik wieder. Der Vergleich mit Crazy Horse ehrt uns.
Wurde dieser Sound in der Quartett-Besetzung erst möglich?
VON LOTZOW: Die Band bis zum Jahr 2005 war eine andere. Auf den vergangenen drei Alben kann man hören, wie wir zur Band zusammenwachsen. Die Dekonstruktion und ausufernde improvisierte Musik wurde so erst möglich. Und dahinter steckt ein Kollektiv, das weit über die vier Leute hinausgeht.
Haben Sie im Rahmen des Entwicklungsprozesses auch bewusst an Ihrer Stimme gearbeitet?
VON LOTZOW: Mir macht das Singen wahnsinnig viel Freude. Es geht darum, Grenzen auszuloten; die Musik jetzt ist viel blechiger und stärker, das fordert mich.
Ihnen eilt der Ruf voraus, arrogant zu sein.
VON LOTZOW: Ich bin nicht unbedingt der Kumpeltyp. Es besteht eine Distanz zu Leuten, die glauben, mich gut zu kennen, weil sie alle unsere Platten haben. Und mal ehrlich: Ich möchte mit David Bowie auch kein Bier trinken gehen.
Info
Das Album ist bei Universal erschienen; live erleben kann man "Tocotronic" am 10. März im Stuttgarter LKA/Longhorn.