Auf seiner Welttournee begeisterte US-Jazz-Star Pat Metheny am Samstag fast drei Stunden lang das Publikum im ausverkauften Backnang.
Anzeige
MICHAEL WEBER-SCHWARZ
Mit der Gitarre und einem Fußpedal steuerte Pat Metheny im Backnanger Bürgerhaus seine gewaltige Orchester-Maschine. Foto: Michael Weber-Schwarz
Backnang er Bürgersaal. Er bot ein Solo auf seinem überwältigenden Orchestrion. "And here we are!" - Und hier sind wir! So kündigt Pat Metheny sich und sein "Orchester" augenzwinkernd an - denn das besteht einzig aus dem populären Jazzmusiker. Am Schluss brandet begeisterter Applaus für einen Non-Stop-Konzertmarathon auf, der seinesgleichen sucht.
Pat Metheny, der seit 35 Jahren in schier zahllosen Formationen und Stilen experimentierende US-Jazzmusiker, gastierte solo und dennoch mit gewaltiger Begleitung: "Orchestrion" nennt er sein jüngstes Projekt. Inspiriert von einem Walzenklavier seiner Kindertage und den alten multiinstrumentalen Leipziger Jahrmarktsdrehorgeln, die man auf deutschen Rummelplätzen bis in die 70er hören konnte, hat Metheny lange getüftelt.
Heraus kam ein überwältigendes Bühneninstrument, das der Musiker einzig mit Fußpedalen ansteuert und von der Gitarre aus spielt: Marimba- und Metallophone, ein komplettes Schlagwerk samt Zimbeln und Kastagnetten, E-Bass und Akustikgitarren, Streicher, Flügel und eine mit Druckluft gespeiste "Flaschenorgel", gefüllt mit fluoreszierenden Flüssigkeiten. Alles spielt wie eine komplette "Pat Metheny Group" gleichzeitig, versteht sich.
Didaktisch ist das Konzert hervorragend aufgebaut: Erst ein Stück für Sologitarre, dann eines, bei der Metheny eine Basslinie zum eigenen Gitarrenspiel hinzufügt. Nummer drei ist ein Stück auf der Pikasso-Gitarre: eigens für ihn gebaut, mit zahllosen Saiten, die der Musiker alle gleichzeitig spielt. Der Weg in die Entgrenzung der Gitarre ist offen - eine erste Zimbel führt einen Beat ein. Dann, urplötzlich heben sich die Bühnenvorhänge, und Metheny setzt sein Orchestrion in Gang. Den Zuhörern stockt der Atem. "Die Deutschen lieben solche technischen Spielereien", sagt der Musiker. "Aber die meisten Leute wollen dann doch sehr schnell wissen, wie das alles funktioniert. Und ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe."
Der Sound des Orchestrions erinnert an frühe "Group"-Alben, das leicht verzögerte Ansprechen mancher Instrumente erzeugt Dynamik - nie entsteht der Eindruck, hier bediene nur einer einen Klangcomputer. Dennoch swingt oft ein geisterhaftes Gefühl in den Konzertsaal.
Pat Metheny hat sichtlich Spaß an der Inszenierung, bringt einige bekannte Nummern aus den letzten "Group"-Aufnahmen. Das atmosphärische Harmonium-Stück "Antonia" aus dem Erfolgsalbum "Secret Story" etwa wirkt noch entrückter als das Original. Hier gibts natürlich auch die unendlichen perlenden Auswärtsläufe, das Publikum regiert mit Ovationen im Stehen.
Wie macht er das alles? Ein Feature-Stück erklärt die Komplexität der Show wenigstens im Ansatz: Durch Fußpedalklicks wählt Metheny ein beliebiges Instrument an, soliert via Gitarrenimpuls darauf, erzeugt mit einem weiteren Klick eine Soundschleife, wählt das nächste Instrument an - und so weiter. Über diesen Klangteppich setzt er die Solostimmen, shiftet derweil durch die Hintergrundstimmen, nimmt fast unmerklich neue Spuren auf, bis endlich das ganze Instrumentarium die Erde beben lässt. Dabei bleibt der Raumklang klar und differenziert - wirklich einzigartig.
Pat Metheny ist einer der wenigen Jazzmusiker, der riesige Konzertsäle füllen kann. Warum jetzt ein Welttournee-Auftritt vor "nur" 750 Zuhörern im eher beschaulichen Backnang?
Dort will der Kulturreferent offenbar die großen und ungewöhnlicheren Würfe machen. Ex-Miles-Davis-Gitarrist Mike Stern bildete den Auftakt zu einer kleinen, aber hochwertigen Jazzreihe. Metheny dürfte auch den einen oder anderen Nicht-Jazz-Hörer überzeugt haben. Für Metheny-Fans wars ohnehin eine erneute Offenbarung.