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Lächeln gegen die Krise

Klebrig-subversiver Heimorgel-Sound entlarvt schale Firmenhymnen

Firmenhymnen klingen nie wirklich mitreißend. Warum das so ist, zeigte der Alleinunterhalter und Kulturwissenschaftler Rudi Maier als MC Orgelmüller im Club Voltaire.

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DOROTHEE HERMANN
Rudi Maier als MC Orgelmüller präsentierte Firmenhymnen im Club Voltaire.Bild:Groebe Rudi Maier als MC Orgelmüller präsentierte Firmenhymnen im Club Voltaire.Bild:Groebe

Tübingen. MC Orgelmüller („mietbare Alleinunterhaltung“) hat sich ausstaffiert wie ein Schlagersänger der 1970er Jahre. Lockiges dunkles Haar, orange-rosa geränderte Sonnenbrille, gelbe Krawatte und ein Sakko, das zu kobaltstichig für FDP-Assoziationen ist. Trotz ihrer unbeholfenen Poesie – „und ein Lächeln stets mit drin“ – sind die von ihm dargebotenen Firmenhymnen viel mehr als bemühte Kitschbomben.

Ohne das Zubehör eines dicken Betriebsfestes samt Büfett und Getränken präsentiert, hauen sie derart rein, dass die rund 40 Zuhörer/innen am Samstagabend immer wieder entgeistert kicherten. Mitveranstalter war die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Firmensongs sind noch ein recht junges musikalisches Genre, berichtete der MC. „1998 gab es nur 130 patentierte Hörmarken.“ 2008 waren es 220, und letzte Woche 400. Die meisten sind eher holprig gereimt, mitunter hat ein Mitglied des Aufsichtsrats zur Feder gegriffen. Verse wie „ein Herz braucht das Blut, so wie wir unsere Kunden“, werden von den jeweiligen Belegschaften intoniert, schleppend wie ein ungeübter Chor.

MC Orgelmüller kann inzwischen auf einen Fundus von „250 Liedern dieser Art“ zurückgreifen. In seine Heimorgel einprogrammiert, durch Bild- und Videoelemente angereichert, fügen sie sich zu einer zum Schreien schmalzigen Show. „Musikalisch sind sie im häufigsten Fall grenzwertig“, meinte der MC.

Fatalistisch in Bezug auf den Kulturzustand der westlichen Welt mag stimmen, dass das akustische Logo für eine global verbreitete Software „von einer achtköpfigen Entwicklergruppe“ um den legendären Gitarristen Robert Fripp (von King Crimson) stammt. Tatsächlich breiten sich die Firmenhymnen vor allem in spätkapitalistischen Gesellschaften aus, so der MC, weniger in Frankreich, Spanien und Portugal, dafür aber in China und Japan. Dort sollten sie schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Land in Trümmern lag, den Wiederaufbau befeuern.

Pionier war jedoch eine US-amerikanische Computerfirma. Bald darauf ließ eine deutsche Automobilmarke „Mit Mercedes-Benz voran“ erschallen. Das war 1941, „auf dem Höhepunkt des Nazi-Feldzuges“. Firmenhymnen „sind keine Werbung, keine nette Produktanpreisung“, sagte der MC. „Sie haben eine andere Funktion.“ Er wurde besonders in drei Branchen fündig: bei Finanz- und Beratungsfirmen, Lebensmitteldiscountern sowie mittelständischen Zulieferern der Autoindustrie. „In dem Moment, in dem die Motivation in den Keller rasselt, kommt das Management auf die Idee, den Beschäftigten eine Firmenhymne um die Ohren zu hauen.“ Deshalb seien sie „weniger eine Gute-Laune-Musik“, als Ausdruck einer Krise: „Ein Lächeln ist mehr wert als du denkst, ein Lächeln ist Gold, das du verschenkst.“

Außer der herkömmlichen Produktivität forderten solche Songs eine immaterielle, affektive Arbeit ein, so der MC. „In diesem Feld werden die heute wichtigen Kämpfe ausgefochten, bei zunehmender Entsolidarisierung“ – in Unternehmen, die die Tarifbindung aufgekündigt haben, und in denen keine Betriebsräte mehr für den einzelnen einstehen. „Wo ist eigentlich das Arbeiterlied geblieben?“, fragt sich dagegen der Mann an der Heimorgel.

04.10.2011 - 08:30 Uhr

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