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Anarchie ist Herzenssache

Hamburg ehrt Panikrocker Udo Lindenberg

Alles klar, alles super! Eine groß angelegte Schau in Hamburg zeigt Leben und Werk von Udo Lindenberg. Es wird gerockt, genuschelt und getobt - doch gibt es auch Einblicke in die Welt hinter der Sonnenbrille.

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EIKE FREESE
Artikelbild: Hamburg ehrt Panikrocker Udo Lindenberg Der Maler Lindenberg und seine Sujets: Moses (links), Nazis (rechts) und natürlich Udo Lindenberg (oben). Nicht zuletzt ist der Mann auch selbst Kunstwerk. Ganz nebenbei macht er sogar Musik: 33 Alben in 40 Jahren. Fotos: dpa, MKG

Hamburg Er ist Schlagzeuger und Sänger, Maler, Dichter und Performer. Er ist Comeback-König, Nuschel-Ikone und wird - verrückt genug - von Altpunks und Schlagerfans gleichermaßen respektiert. Seit Udo Lindenberg im Jahr 1971 seine ersten eigenen Songs veröffentlichte, gehört der heute 65-Jährige zum Inventar der Bundesrepublik. Er lieferte den Soundtrack zum deutsch-deutschen Trennungsschmerz, aber auch das Hintergrundgeräusch zum Herzweh in hiesigen Wohnzimmern.

Artikelbild: Hamburg ehrt Panikrocker Udo Lindenberg

Udo Lindenberg ist Künstler und, nun ja - Kult. Er ist aber auch komplex. Bei Lindenberg vermischen sich Coolness und Neurose, das Erhabene und das Lächerliche. Derzeit spürt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe dem Gesamtkunstwerk nach: "Udo" heißt die groß angelegte Retrospektive.

Mit mehr als 400 Exponaten, von der Krawatte bis zum Astronauten-Anzug, haben die Macher die Hallen vollgeräumt. Fotos, Noten, Möbel, Instrumente. Dazu: jede Menge Gemälde des Panikrockers. Das hippe Chaos aus Discokugeln, rotem Teppich und Bühnen-Equipment wirkt zwar etwas gewollt, wird aber Lindenbergs singulärer Rolle gerecht: Als letzter Musiker souffliert er den Deutschen den alten Traum vom anarchistischen Rockstar. Seit Jahren residiert Lindenberg in Luxushotels am Alsterufer, raucht Zigarre, malt Bilder mit Likör und flaniert mit Sonnenbrille, Hut und engen Jeans. Voll dufte und so.

Doch der zweite Blick lohnt. Das Bild vom notorischen Nöler Udo ist bereits nach Sekunden farbiger. Beispiel: Lindenbergs Gemälde sind selten bloß Likör auf Leinwand. Wer mag, kann in ihnen mehr entdecken als Sprachspiele und Karikaturen. So malt Lindenberg seinen schrillen Zyklus "Die zehn Gebote" zwar im Comic-Stil. Aber der Betrachter nimmt ihm den Versuch wirklich ab, mit aller gebotenen Blödelei auch vor seinen letzten Richter zu treten. Kunst von Lindenberg heißt Schnoddrigkeit als Herzensangelegenheit, heißt Kindlichkeit gegen alle Autoritäten und ursprüngliche Sehnsucht nach Übersichtlichkeit und Geborgenheit.

Eines entspricht dem Klischee des selbstverliebten Nölers indes aufs Trefflichste: Das Lindenberg-Oeuvre auf Leinwand und Papier reduziert sich im Wesentlichen auf ein Thema - auf Udo selbst. Wenn der Panikrocker die monströse "Miss World" Angela Merkel pinselt - mit perlender Sektflöte und Brüsten, die schwer wie Mehlsäcke aus dem roten Kleid plumpsen - dann gibt es hier halt mehr über den Maler zu erfahren als über sein Sujet. Inmitten von Udos gesammelten Werken erspäht der Besucher auch eine Schwarzweiß-Aufnahme von Lindenberg und Helmut Schmidt. "Und Sie meinen, Ufos wollen mich wirklich mitnehmen?", hat er dem damaligen Kanzler mit Filzstift in den Mund gelegt. "Könnten Sie dann meinen Job übernehmen?"

Der Maler und Kunstprofessor Markus Lüpertz dichtete mal, Lindenbergs Werke seien Landkarten, "die Berge aus Verzweiflung, Flüsse der Leidenschaft, Seen aus Tränen und goldene Städte, gebaut von schneller Liebe, ausmessen". Tränen? Verzweiflung? So fern liegen die tragischen Assoziationen tatsächlich nicht immer. Etwa, wenn man live beobachtet, wie der 65-jährige Herr Lindenberg in gebückter Haltung auf seinem so genannten "Ejakulator" hockt: jenem aufgemotzten Drumkit, das bei jedem Schlag meterweit Farbe auf eine Leinwand spritzt.

Weniger genitale, dafür gesicherte Einblicke ins Lebenswerk Lindenbergs gewähren unzählige Dokumente: Textschnipsel, Akkordfolgen auf Malpapier, Songs in progress. Dazu Briefe: Erich Honecker an Udo, Udo an Egon Krenz, Egon Krenz an Honecker. Alte Zeugnisse mit Grundschulnoten: eine magere "Drei" in Musik, wenige Jahre bevor der fünfzehnjährige Udo Gerhard Lindenberg den ersten Jazzpreis abräumt. Und, im gleichen Jahr, eine schöne "Zwei" in Kunst. Da will einer schon früh mehr als bloß trommeln. Will sich künstlerisch austoben, ohne Rücksicht auf Verluste: Udo hat Regie geführt, geschauspielert und einen Ratgeber für Popstars geschrieben. Kurz: In Lindenbergs Lebenswerk wird "Leben" ganz groß geschrieben.

Info"Udo - die Ausstellung" ist

im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe bis zum 11. März zu sehen: http://www.mkg-hamburg.de

03.01.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 03.01.2012 - 08:41 Uhr

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