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Empfang mit Riesenschlange

Zirkuskinder unterhalten Gäste der Landesregierung

Diesmal waren Zirkuskinder aus dem Landkreis dabei beim Neujahrsempfang der Landesregierung im Neuen Schloss, dem jährlich wiederkehrenden Ritual mit der Rede des Ministerpräsidenten im Mittelpunkt. Für die 3000 Gäste gab es ein umfangreiches Programm, das die jungen Artisten mitgestalteten.

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Jürgen Jonas
Beim Zirkus-Gruppenbild stellen sich zwei Frauen vom Trachtenverein Öhringen dazu. Bild: Harm Beim Zirkus-Gruppenbild stellen sich zwei Frauen vom Trachtenverein Öhringen dazu. Bild: Harm

Nehren / Rottenburg / Stuttgart. Eberhard Kohler freut sich: Wann kommt man schon mal zum Neujahrsempfang der Landesregierung nach Stuttgart? Der Rektor der Weggental-Förderschule ist am Freitagnachmittag mit seinen Schulzirkuskindern und Kollegen in einem großen Reisebus nach Nehren gekommen. Dort holt der Bus eine Gruppe von Zirkuskids ab, die im „Circus Nehrondo“ ihre Ausbildung erhielten, dazu die seitherige Zirkuschefin Gudrun Märkle und Trainerin Gesa Harm.

Zwölf Kinder aus Nehren und dreizehn der Rottenburger Zirkus AG, zu der auch Grundschüler aus Bad Niedernau gehören, dürfen mit. „Eine sehr nette Sache für uns, dort auftreten zu dürfen, positiver kann man als Schule gar nicht auffallen“, sagt Kohler. Unterwegs werden die Kinder noch einmal eingestimmt, von den Lehrerinnen Heidrun Schmidt und Anne Domanetzki. Die Theaterpädagogin Susanne Baumgartner ist natürlich dabei, sie leitet die Weggentaler Zirkus-AG. So ganz genau wissen die Schüler nicht, was sie erwartet, zwischen Bundespräsident und Ministerpräsident kann schon mal eine leichte Verirrung entstehen. Kurz vor der Ankunft gibt Märkle die Anweisung: „Kaugummis raus! Im Neuen Schloss ist das verboten!“ „Und Gummibärchen?“, fragt ein Junge. „Die gehen wahrscheinlich!“

Die gelben Bändel, die Mitwirkende zum Zutritt berechtigen, werden verteilt. Erste Station für den Tross ist das Restaurant. Hier gibt es erst mal einen Imbiss für alle, Linsen mit Spätzle und Saitenwurst – für Muslime freilich nicht geeignet. Hier finden sich alle 350 Mitwirkenden nach und nach ein. So viele Essende.

„Wenn wir jetzt einfach wieder heimgehen, dann fällt das gar nicht auf!“, sagt jemand. Bezopfte Künstler, Tanzgruppen, die sich irrsinnig stylen, Schornsteinfeger in voller Montur, Schwarzwaldtrachtenträger, Musikanten zuhauf. Heerscharen von gelbkrawatteten Bedienkräften halten sich bereit, ständig werden neue Gruppen durch die Gänge gelotst. Der Saal ist auch Umkleidekabine und Lagerplatz für Kleidung und Taschen. Alle werfen sich in ihre Kostüme. Kein Aufführungsblock sollte es sein, sondern auf mehrere Orte in dem Riesenschloss verteilte Aktionen, weil wenig Platz ist für so viele Künstler.

Um 18 Uhr treffen die ersten Gäste ein. Zur Begrüßung schickt Baumgartner im Foyer die erste Gruppe auf Tour. Der große Korb für die zwei Riesenschlangen öffnet sich. Sonja, Tina, Kati, Jessica und Leonie tragen sie durch die Menge, umschmeicheln die Beine der herannahenden Wichtigen, erschrecken sie mit dem aufklappbaren Maul samt Züngelzunge. Zwischendurch schlagen sie auch Räder. Die Gäste schauen freundlich. Dazu tapert ein Elefant durch die Menge, auch ein großer Löwe ist unterwegs.

Diabolos unterm Kronleuchter

Jakob, der Einradkünstler, und seine Kollegin Iona sausen durch die Menge, hüpfen die Treppenstufen hoch, sicher und gewandt. Jakob trägt den guten Tanzkurs-Anzug, hat ein weißes Tuch über dem linken Arm, rechts trägt er ein Tablett mit Sektgläsern. Er fährt zielsicher auf die Eintretenden zu, manche strecken schon die Hand aus, bis sie dann doch endlich merken, dass er nur mit ihnen spielen will. Jakob: „Fast jeder Dritte fällt drauf rein!“

Gleich um die Ecke, vor dem Aufgang, steht der große Spiegel ohne Glas, Bestandteil einer Nehrondo-Nummer, Elena und Julia stehen sich gegenüber und vollführen die gleichen Bewegungen, jonglieren zum Vergnügen der Vorübergehenden. Einen Treppenabsatz höher tummeln sich die Fakirinnen Anna und Melina mit ihrem Tuch und den Glasscherben darauf, auf die sie sich stellen. „Iiiih! Das könnt ich nicht!“ rufen Frauen. „Toll!“, meinen Männer. Lena Müller (17), ihre Trainerin, steht aufmerksam daneben und achtet, dass sie die Sohlesäuberungsprozedur ausführen, die gewährleistet, dass nichts passiert.

Anouk und Luisa balancieren graziös auf großen Kugeln, lassen dabei Hulahoop-Reifen um die Taille kreisen. „Ach, sind die nett!“ und ähnliche Rufe ertönen. Woran liegt es aber wohl, dass bei manchen, die vorüberstapfen, der Sehkreis stark eingeschränkt ist? Sie haben kein Auge offen für die Anmut, mit der sich die Kinder bewegen.

In einem Gang sind Samantha und Dilruba auf einer Rolle und einer großen Kugel unterwegs, Samantha ist elektrisch aufgeladen. Anette Widmann-Mauz grüßt freundlich, Klaus Tappeser schreitet vorbei. Weggentalschüler sind vor der großen Bühne im Weißen Saal mit ihren Diabolo-Schnüren zugange. Alexander, Edon und Jacqueline zeigen, was sie können. Fitim, der schon fünfzehn ist, gibt ihnen, beeindruckend konzentriert, Sicherheit im Agieren. Die Decke ist hoch, aber er will das nicht ausnutzen, „sonst bleibt das Diabolo-Teil noch an einem Kronleuchter hängen“.

Die Nagelbrett-Fakire Jeremy. Thorben, Moritz und Constantin tummeln sich, den nackten Oberkörper nur mit Westlein bedeckt, auf der großen Bühne, legen sich mit Rücken oder Bauch auf die spitzige Unterlage. Kurz nach 19 Uhr ertönt Günther Oettingers Stimme in allen Räumen, der offizielle Teil hat im Marmorsaal begonnen. Das Defilée folgt. Tausende Käsehäppchen werden verteilt.

Abends sind die Erwachsenen sich einig: „Wir haben das Beste draus gemacht!“ Die Kinder meinen, es war „toll und cool und krass und geil“. Langsam legt sich die Aufregung. Kohler: „Das Leben besteht aus Tagen, die man nicht vergisst. Der heutige war ein guter Tag.“

Antrag der SPD-Fraktion zu den Hallenzeiten

In Nehren soll es künftig ein Regelwerk geben, mit dem die zeitliche Belegung der Turnhalle festgelegt werden kann. Das fordert die SPD-Gemeinderatsfraktion in einem Antrag. Der „Circus Nehrondo“ hat seine Arbeit in der bisherigen Form eingestellt, weil ihm die bewilligte Trainingszeit nicht ausreicht. Die SPD möchte Dissonanzen in Zukunft einschränken. Der Sportverein wie der Förderverein, zu dem der Circus gehört, leisteten ehrenamtlich Hervorragendes in der Freizeitbetreuung für Kinder und Jugendliche. Der Förderverein hatte sich über mangelnde Moderation durch die Verwaltung beklagt.

18.01.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 18.01.2010 - 08:30 Uhr
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