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Räuberlieder für die Polizei

Straßenmusikant Hans Spielmann hat eine Bleibe gefunden

Einen „guten Platz zum Bleiben“ nennt Hans Spielmann den Ort. Der bekannte Musiker und Liedermacher wird derzeit in Nehren heimisch.

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Jürgen Jonas
„Wenn ich die Musik nicht gehabt hätte, ich hätt's nicht überlebt“, sagt Hans Spielmann ... „Wenn ich die Musik nicht gehabt hätte, ich hätt's nicht überlebt“, sagt Hans Spielmann über seine Jugend. Seit Kurzem lebt er in Nehren.Bild: Franke

Nehren. Hans Spielmann heißt eigentlich anders. Aber wie nun genau, das ist auch nicht ganz so wichtig. Mit dem Namen Spielmann ist er verwachsen, stellt sich damit in eine musikalische Tradition von Straßenmusikanten, Wandervögeln, Troubadouren, Gauklern, die den Menschen den Spiegel vorhalten. Der Spielmann ergreift die Vortragsgelegenheiten, auf Bühnen, bei Märkten und Festen. Dem Spielmann kommen Lieder zugeflogen, er trägt zur Erheiterung bei.

Er ist bekannt, sein Markenzeichen ist das rote Samtbarett. Pfarrer Uwe Braun-Dietz erzählte einmal, als Spielmann zu einem Kinderkonzert in die Mössinger Martin-Luther-Kirche gekommen war, wie er vor mehr als zwanzig Jahren auf dem Tübinger Weihnachtsmarkt unterwegs war und mitten im Trubel einen Mann entdeckte, der von Kindern umlagert war, die fröhliche Lieder sangen. Von dort schleppte der Pfarrer einen Ohrwurm mit, den Rackedickedickedacke-Refrain eines Spielmann-Songs.

Salz und Brot von der Oma junger Fans

Lange Jahre hat Spielmann in Ammerbuch gewohnt, Ausgangspunkt für sein Umherschweifen im Landkreis Tübingen und darüber hinaus. Dann zog es ihn – aus persönlichen Gründen – nach Laichingen auf der Alb, dort war es ihm aber zu kalt. Nehren nun scheint ihm „ein guter Platz zum Bleiben“. Einen glücklichen Zufall nennt er es, dass er, durch schnelle Reaktion auf eine kleine Anzeige im TAGBLATT, die Wohnung in der Hauptstraße bekommen hat, in der vorher eine Musiklehrerin wohnte. Ideal für seine Bedürfnisse, die unteren Räume sind für ihn auch als Lager nutzbar, schließlich hat er mehr als zwanzig CDs herausgebracht, für die immer wieder Bestellungen auszuführen sind, ebenso wie für die Liederbüchlein.

In Nehren fühlt er sich bisher gut aufgehoben, von der Arztpraxis schwärmt er, nach Implantaten und derben Wurzelbehandlungen ging es ihm zeitweise nicht sonderlich gut, die Stimmung war gedrückt, das sonnige Gemüt verdüstert. Margrit Raff hat ihm Brot und Salz ins Haus gebracht, weil schon eine Tochter mit den spielmännlichen Liedern aufwuchs und die Tradition mit den Enkeln fortgeführt wird.

„Jetzt bin ich 60 Jahre alt“, sagt Spielmann und nennt sich einen „Übriggebliebenen aus der Folkszene“. Geboren ist er in Stuttgart-Cannstatt, aufgewachsen in Ludwigsburg, in „sehr armen Verhältnissen“, die er eindrücklich schildert. „Wenn ich die Musik nicht gehabt hätte, ich hätt's nicht überlebt“, erzählt er, „Raus hier!“ hieß sein Ziel, seine Sehnsucht war, draußen zu leben, frei zu sein, die Bedrückung abzuschütteln. Er lernte, Gitarre zu spielen, sog Melodien und Texte ein, ein Autodidakt, wie er im Buche steht, „die kleinen Pünktle auf den Linien sind eine Sache, etwas Größeres ist die Musik“.

Die Schule war ihm ein Graus, er hat viel nachsitzen müssen, auch wegen der „Sauklaue“. Später übte er sich in Kalligraphie, viele seiner Liederbüchlein hat er selbst geschrieben. Den Schulbesuch hat er dann doch recht passabel hinbekommen, er lernte Heilerzieher in Liebenau bei Ravensburg, hat eine Schauspielschule besucht, vor allem aber viele Jobs angenommen, viele Umzüge hinter sich gebracht. Aus seiner Ehe ging ein Sohn hervor, der Enkel ist ihm einer der liebsten Hörer.

1985 meldete er sich auf eine Anzeige, im Allgäu wollte jemand eine Sechszimmerwohnung verwaltet haben. In Wangen ist er auf einem Markt aufgetreten, dort hat ihm jemand zum ersten Mal Münzen in den Hut geworfen. Kinder waren sein liebstes Publikum, für sie hat er sich eine Rassel an den Fuß gemacht, die Möglichkeiten erweitert, einen Stuhl besetzt, um nicht größer zu sein als sie. Er trat in den Fußgängerzonen auf, erregte Aufsehen, löste Wohlgefallen aus. „Da geht es lebendig und lustig zu“, sagten die Leute. Die Erwachsenen wurden einbezogen, sangen als Zuschauergruppen vierstimmige Kanons unter Spielmanns Leitung. Er nahm in einem Studio eine Kassette auf und verkaufte sie.

Mehr Gesang – und mehr Liebe zum Leben

Das Spielmann’sche Repertoire umfasst eine ganze „klingende Welt“, jiddische Lieder sind darunter, alte Volkslieder, er hat Goethe vertont, Hermann Hesse, Herwegh, Hölderlin oder auch Michael Ende. „Mir gefällt Ihre Vertonung und die Art, wie Sie meine Lieder singen, sehr gut,“ hat ihm der Autor der „Unendlichen Geschichte“ geschrieben, auf dessen „Trödelmarkt der Träume“ er sich wiederfindet. Besondere Freude hat er an einem Auftritt in der Polizeiakademie in Villingen-Schwenningen gehabt, wo er den versammelten Ordnungskräften ausgerechnet Räuberlieder vortrug.

Neue Pläne wälzen sich in ihm um. Er will Ideengeber und Aktivist einer „Initiative zur Förderung der Lebensfreude im Alltag“ sein. Unbeschwertes Singen kommt viel zu kurz. Wie kann die Singscham überwunden werden? So Spielmanns Frage. Das ist für ihn auch ein Politikum, Singen vermittelt „reine Freude an sich“, Singen soll stark machen und Liebe zum Leben wecken. Er will zu Lichtstuben eingeladen werden, zu Gartenfesten mit „Liedern aus heiterem Himmel“, oder auch zu Wanderungen auf schönen Wegen der Heimat, mit gemeinsamem Gesang. So wird der sesshafte Hans Fuchs, so heißt er „wirklich“, weiter als Hans Spielmann unterwegs sein. Und Weiteres zu Gehör bringen.

Info www.hans-spielmann.com

31.08.2010 - 08:30 Uhr
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