„Tiere sind die besten Freunde. Sie stellen keine Fragen und kritisieren nicht“, sagte Mark Twain einmal. Das sieht auch die Nehrenerin Gabriele Möck-Merz so. Zusammen mit ihrem Aussie-Rüden Shiloh hat sie eine Ausbildung zum Pädagogik- und Therapiebegleithundeteam abgeschlossen – für die Arbeit mit Kindern.
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Gabi Schweizer
Shiloh und Gabriele Möck-Merz sind ein Team – sie helfen Kindern. Bild: Franke
Nehren. Lara beschreibt einen leichten Bogen mit der Hand. Springt er, oder springt er nicht? Der Aussi-Rüde Shiloh wirft dem Mädchen einen kurzen Blick zu, dann spurtet er los und hüpft behände über das Hindernis. Szenewechsel. Ein Raum mit Fototapete. Gemeinsam schauen Hund und Kind ein Buch an, mit dem Maul wendet Shiloh die Seiten und nimmt dann sanft ein Leckerli aus Laras Hand. Angst vor dem Tier? Keinesfalls, die beiden wirken sehr vertraut in dem Video.
Shiloh ist ein australischer Hütehund und darum sehr wachsam: Beim TAGBLATT-Besuch in „seinem“ Garten ist er erstmal skeptisch, doch nach zehn Minuten legt er sich zu Füßen des Besuchs nieder. Schnappen würde er nie, sagt Gabriele Möck-Merz, sonst hätte er die Prüfung gar nicht bestanden.
Ein Härtetest: Hungrig vor vollem Fressnapf
Möck-Merz ist Erzieherin von Beruf und seit Neuestem auch als Fachkraft für hundegestützte Therapie und Pädagogik qualifiziert. Was bedeutet, dass sie mit Shiloh zusammen eine mehrteilige Prüfung ablegen musste. Das Video von Lara und Shiloh war ein Bestandteil davon. Im Theorieteil ging es um Sachwissen über Hunde, Entwicklung und Erziehung, in der praktischen Prüfung vor allem um Gehorsamsaufgaben: Bleibt Shiloh vor dem vollen Fressnapf sitzen, ohne ihn anzurühren? Und was passiert, wenn seine Besitzerin aus dem Zimmer geht?
Gemeinsam versuchen Möck-Merz und der zweijährige Aussie, Kindern zu helfen: einer Schülerin, die sich zu sehr vom Leistungsdruck leiten lässt; einem Jungen, der als „schwierig“ gilt, weil niemand an ihn herankommt; einem Mädchen mit Problemen im „sozio-emotionalen Bereich“. Durch den Kontakt mit Shiloh, da ist Möck-Merz sich sicher, baut sie Selbstbewusstsein auf, fasst Vertrauen, ist „wirklich sie selbst in dem Moment“. Die Erzieherin blättert in einem Fotoalbum, zeigt ein Bild des Mädchens: „Sehen Sie den gelösten Gesichtsausdruck? So entspannt habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen.“ Möck-Merz arbeitet mit Fünf- bis Zwölfjährigen – im Mössinger Schülerhort, ihrem Arbeitsplatz, aber auch privat. In der Flattichschule hat sie schon ein Dog-Dancing-Projekt gemacht – eine Sportart, bei der sich das „Mensch-Hund-Team zu Musik – möglichst harmonisch – bewegt“. Das funktioniere gut mit Shiloh, versichert die Nehrenerin.
Sie solle doch ihren Hund mitbringen, sagten Kinder immer wieder zu ihr. So kam Möck-Merz auf die Idee, Shiloh richtig in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Der Aussie ist mit Kindern aufgewachsen – beim Kinderferienprogramm auf dem Hundesportplatz traf er sie oder beim Spazierengehen. Möck-Merz’ eigener Sohn war 14, als der Welpe mit gerade acht Wochen in die Familie kam. Seine gesamte Erziehung erhielt er dort, durchlebte seine komplette Prägephase. Nur deswegen kam er als Therapiehund überhaupt in Frage. Rocky etwa, ein Husky-Bordercollie-Mischling und der zweite Hund in der Familie, stammt aus dem Tierheim und hat schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht – mit ihm wäre eine solche Ausbildung schwierig gewesen. Shiloh, so erzählt Möck-Merz, sei „neugierig und aufgeschlossen“.
Er kann über Hürden springen, Griesbrei vom Löffel abschlecken und die Seiten eines Buches wenden. Aufgaben, die nicht gerade dem Naturell eines Vierbeiners entsprechen. „Wenn ein Hund mit Kindern arbeitet, sind Tricks sehr wichtig“, findet die Erzieherin jedoch. Und: „Ein Hütehund will gefordert werden. Da finde ich Tricktraining eine gute Möglichkeit.“
Shiloh reagiert auf Click-Geräusche
Um den Arm hat Möck-Merz eine Spiralschnur geschlungen, wie ein Schmuckstück – doch es ist die Halterung für den „Clicker“: Sobald Shiloh etwas gut gemacht hat, erklingt ein kurzes Geräusch. Das, so erklärt die 44-Jährige, sei ein Markersignal, das die Zeit bis zur Belohnung überbrückt – dauert diese nämlich zu lange, kann es passieren, dass das Tier den Zusammenhang zwischen Verhalten und Leckerli nicht mehr herstellt.
Hundepfoten schmücken Möck-Merz’ Halskettchen und ihr T-Shirt – dabei wurde sie erst vor viereinhalb Jahren zur Hundehalterin, hatte vorher lediglich Hasen und Katzen. Viel draußen in der Natur war sie schon immer – und irgendwann wollte sie beim Laufen Gesellschaft. Nun bringt sie ihren Tieren beim Spazierengehen Tricks bei, findet es „spannend, wie Hunde lernen“. Ein Jahr lang dauerte die Ausbildung zum Pädagogik-/Therapiebegleithundeteam, die vom Verein „Therapiebegleithunde Deutschland“ anerkannt wird. Dieser Berufsverband, 2002 in Steinfurt gegründet, möchte den Einsatz von Therapiebegleithunden professionalisieren.
Zudem bemüht er sich um eine Anerkennung dieser Arbeit durch die Krankenkassen. Ihre Seminare absolvierten Möck-Merz und Shiloh in Eppingen bei Heilbronn. Nur Pädagogen, Therapeuten oder Ärzte können einen solchen Kurs im Team mit dem Tier machen. Klar gebe es Hygienevorschriften bei der Arbeit, kommentiert sie einen gängigen Einwand. Die Regeln müsse man eben mit dem Gesundheitsamt abstimmen und einhalten. Allergien sieht sie als wenig problematisch an: Die meisten Leute seien nur gegen Katzen allergisch.
Bei ihrer pädagogischen Arbeit geht die Erzieherin sehr behutsam vor. Die Kinder sollen Shiloh zunächst nur beobachten, ehe sie ihn streicheln. Wenn die Unsicherheit weg ist, beginnt die Phase, die Möck-Merz am beeindruckendsten findet: „Blockaden brechen, die Kinder werden selbstbewusster. Und Dinge, die sie anderen Menschen gar nicht erzählen, die erzählen sie dem Hund.“