Kirchentellinsfurter Senioren bei der Stilberatung
Schneewittchen ist der klassische Wintertyp? Nur der Sommertyp kann grau tragen? `Tücher und spitze Schuhe lassen einen größer erscheinen? Diesen und weiteren Fragen ging der Kirchentellinsfurter Seniorenkreis bei einer Farb- und Stilberatung nach.
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Simon Wörpel
Die freiberufliche Farb- und Stilberaterin Heike Heim (stehend) zeigt, wie verschiedene Stoffe in Gesichtsnähe wirken. Bild: Metz
Farbberatung funktioniert nur bei echtem Tageslicht, deshalb entstehen die ganzen Fehlkäufe“, sagt Heike Heim. Viele Senioren in den Räumen des evangelischen Gemeindehauses in Kirchentellinsfurt nicken zustimmend. Oft haben sie so etwas schon erlebt: Im Laden wirkt ein Kleidungsstück passend, zu Hause vor dem eigenen Spiegel sieht es aber schlimm aus. Deshalb sollten auch die Senioren Kleidungsstücke zu diesem Nachmittag mitbringen, bei denen sie sich unsicher sind, ob sie ihnen richtig passen.
Oft holt Beraterin Heike Heim, die früher als Erzieherin arbeitete, einige ältere Damen nach vorne und klärt an ihnen exemplarisch Fragen zu Formen, Farben und Stil. Und gibt ganz praktische Tipps: Anhänger an Ketten sollten nicht größer als die eigenen Augen sein. Mehrere Muster könne man kombinieren, wenn sie vom gleichen Typ sind: Kariert zu kariert, rund zu rund. Und vor allem: viele kleine Tricks, um größer zu wirken. So genannte „streckende Elemente“. Das gehe von spitz zulaufenden Schuhen über senkrecht hängende Tücher bis hin zu von oben nach unten dunkler werdender Kleidung, erklärt Heim anhand mehrerer Beispiele.
Warum eigentlich größer wirken? „Unter 1,60 Meter werden wir Frauen nicht ernst genommen, doch das ist bei Bewerbungsgesprächen oder Vertragsverhandlungen extrem wichtig“, sagt Referentin Heim nach ihrem Vortrag dem TAGBLATT.
Renate Kress, die Heims Vortrag oft und gerne durch eigene Erfahrungsberichte ergänzt, sagt zur Referentin : „Ich finde es schön, dass Sie selbst kein Mannequin sind.“ Heims Antwort: „Ich sah früher anders aus.“ – „Wir auch, wir auch!“ schallt es lachend aus den Tischreihen der erheiterten Senioren zurück. Man solle sich nicht von Werbung und den darin vermittelten Idealen beeindrucken lassen, betonen Heim und Kress. „Es kann alles perfekt zueinander passen – aber das nützt alles nichts, wenn wir uns nicht darin wohlfühlen“, sagt die Beraterin.
Der Seniorenkreis ist angeschlossen an den Kreisseniorenrat des Landkreises Tübingen. Er ist eine Einrichtung der Gemeinde Kirchentellinsfurt und wird ehrenamtlich geleitet von Renate Kress. Monatlich treffen sich die Senioren im evangelischen Gemeindehaus. Es werden Lieder gesungen, und bei jedem Treffen gibt es eine spezielle Aktion: Vorträge, Ausflüge oder eben die Farb- und Stilberatung wie beim März-Treffen.
Warum aber eine solche Stilberatung für Senioren? Hat man in diesem Alter nicht so viel erlebt, dass man sich auch unkonventionelle Kleidungskombinationen getrost erlauben kann? Das sieht Beraterin Heike Heim ein bisschen anders: „Sie haben so viel erlebt, da brauchen Sie sich nicht zu verstecken. Überraschen Sie ihre Enkelkinder!“ sagt sie den 60 anwesenden Senioren. „Ich beobachte, dass sich viele alte Leute falsch anziehen“, sagt Renate Kress. „Aber ich finde, auch mit siebzig Jahren soll man noch propper aussehen“, fügt sie hinzu. – Die Senioren ziehen zurückhaltende Schlüsse aus dem Nachmittag. „Ich habe zwar ein paar interessante Dinge gelernt, aber ändern werde ich meinen Stil nicht – ich weiß seit Jahrzehnten, was ich tragen kann“, sagt eine gelernte Schneiderin.
„Ich weiß selber, was ich will, da lasse ich mich nicht beschwätzen“, sagt eine andere. Das meine sie aber nicht böse, fügt sie lächelnd hinzu.