Über hundert Interessierte kamen zu einer Führung auf die Weitenburg
Schloss Weitenburg bekam sein heutiges Aussehen über vier Jahrhunderte hinweg. Am Sonntag konnte man einen Blick hinter die Mauern werfen.
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Frank Rumpel
Da wurde es ganz schön eng im Schloss: Max Richard Freiherr von Raßler (Mitte) führte am Sonntag durch die Säle und Gemächer der Weitenburg. Bild: Groebe
Sulzau. Insbesondere amerikanische Gäste stehen gelegentlich im Schlosshof und bewundern den zinnenbewehrten Turm als den vermeintlich ältesten Teil des Schlosses, erzählte Max Richard Freiherr von Raßler bei der von der Rottenburger WTG organisierten Führung am Sonntagnachmittag. Dabei ist just dieser Teil der Neubau in der vierflügligen Anlage. 1869 wurde er in neogotischem Stil erbaut und noch dazu mit sehr weichem Sandstein. „Das ist unser Sorgenkind. Der zerbröselt wie Keks“, sagte von Raßler. „Inzwischen freue ich mich schon fast auf das nächste Erdbeben.“
Der älteste Teil des Schlosses, dessen Vorgängerbau erstmals 1062 urkundlich erwähnt wird, beherbergt heute das Restaurant. Das Gebäude stammt, das haben dendrochronologische Untersuchungen an den Stützbalken ergeben, von 1589. Es bestand ursprünglich wohl aus zwei übereinander liegenden Hallen. „In die große Halle im Erdgeschoss konnte man reinreiten“, sagte von Raßler. Im Barock wurde das Haus mit bemalten Fassaden zeitgemäß „aufgehübscht“. Das Restaurant besteht seit 1954. Sechs Jahre später kam der Hotelbetrieb dazu.
Der nach Osten hin liegende Gebäuderiegel mit dem Tor wurde 1730 errichtet. Der Gewölbekeller darunter beherbergt Fledermäuse. Von Raßler: „Die fühlen sich bei uns wohl, weil hier richtig was los ist. Die sind vielleicht nicht so intelligent wie die Tübinger Schlossfledermäuse, dafür halten sie was aus.“
Das Schloss kam 1720 in Familienbesitz. Damals erwarb Freiherr Joseph Rupert Raßler von Gamerschwang die Burg und den Weiler Börstingen für 43 000 Gulden vom Kloster Marchtal, erzählte Stadtführer Ernst Heimes. Das war eine Menge Geld. Ein Handwerker, sagte Heimes, habe damals im Jahr etwa 500 Gulden verdient. „Für dieses Schloss hätte er also mehrere Leben arbeiten müssen.“
Für das Geld erwarb der neue Schlossherr die niedere und die höhere Gerichtsbarkeit gleich mit. So durfte er nicht nur bei Ehestreitigkeiten und Beleidigungen Recht sprechen, sondern auch foltern und zum Tode verurteilen.
Den Adelstitel war damals noch relativ neu in der Familie. Der Großvater des neuen Schlossbesitzers war noch bürgerlich zur Welt gekommen, als Jakob Christoph Raßler. Später kaufte er das Schloss samt Dorf Gamerschwang bei Ehingen an der Donau und durfte sich deshalb „von Gamerschwang“ nennen. 1681 wurde er in den erblichen Freiherren-Stand erhoben. Ganz offensichtlich, fügte Heimes mit Blick auf die zahlreichen Besucher hinzu, übe eine vor über hundert Jahren untergegangene Zeit und die Berührung mit dem Adel noch immer einen magischen Reiz aus.
Die neogotische Kapelle ist heute für Hochzeiten und Taufen beliebt. Im Rote Salon mit seiner reich verzierten Stuckdecke und den mit rotem Samt überzogenen Sitzmöbeln wurden seit 1998 über 700 standesamtliche Trauungen vollzogen.
Dieser Prunksaal sei schon zu Zeiten seines Urgroßvaters Maximilian Rudolf Freiherr Raßler von Gamerschwang das „gute Zimmer“ gewesen, sagte von Raßler. Allerdings nutzte der Kammerherr und Hofmeister der württembergischen Königin Charlotte das Schloss seinerzeit nur als Sommerhaus. „Hier gab es kein fließend Wasser und keinen Strom. Da blieben sie lieber in ihrer komfortableren Dienstwohnung in Stuttgart.“