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Sulzauer Totschlagsprozess: Mutter wischte Messer ab

Staatsanwalt fordert mindestens sieben Jahre Haft

Im Totschlagsprozess gegen die 27-Jährige, die am 15. Januar ihren Mann erstochen hat, forderte Oberstaatsanwalt Martin Klose sieben Jahre Haft. Die Angeklagte selbst und ihr Verteidiger baten um eine Perspektive.

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DOROTHEE HERMANN

Tübingen/Sulzau. Die Angeklagte habe den Tod ihres Mannes zumindest billigend in Kauf genommen – wenn nicht sogar gewollt, sagte Oberstaatsanwalt Martin Klose gestern vor dem Schwurgericht Tübingen. Sie habe dem 46-Jährigen ein scharfes Küchenmesser mit solcher Wucht in die Brust gestoßen, dass eine Rippe splitterte. Die Klinge war 19 Zentimeter lang, die Einstichwunde zwölf Zentimeter tief.


Der Tatvorwurf des Totschlags habe sich bestätigt. Doch weil die Alkoholisierung der Angeklagten und die Tatumstände nach Auffassung des Oberstaatsanwalts eine Affekt-Tat nicht ausschließen, nahm er eine verminderte Schuldfähigkeit an und forderte sieben Jahre Haft. An dieser Stelle brach die Mutter der Angeklagten in lautes Schluchzen aus. Laut Gesetz kann bei Totschlag allerdings eine Haftstrafe bis zu elf Jahren verhängt werden.

Die 27-Jährige habe spontan gehandelt ohne sich abzusichern, argumentierte Klose. Ihre Eltern und sogar ihre beiden Kinder hielten sich im Nebenzimmer auf. Andererseits sei die Angeklagte bereits kurz nach der Tat in der Lage gewesen, Unfallvarianten zu schildern, die mit dem tatsächlichen Geschehen nichts zu tun hatten, betonte er. Sie sei auch schon imstande gewesen, die Folgen abzuschätzen und habe Angst um ihre Kinder geäußert. „An der Unfallversion wurde noch über Stunden festgehalten. Erst die Kriminalpolizei äußerte Zweifel.“

Gegenüber den Rettungskräften und dem Notarzt hätten weder die Angeklagte noch ihre Eltern zugegeben, in welchen Gegenstand der Getötete angeblich gelaufen sein sollte, betonte der Oberstaatsanwalt. „Tatsächlich hat die Mutter der Angeklagten das Messer abgewischt und in einen Nebenraum gebracht.“

Andererseits habe sich die Angeklagte sofort nach der Tat um ihren Mann gekümmert und den Notarzt rufen lassen, sagte Klose. Sie habe eine tiefe Erschütterung gezeigt. „Es fällt sicher schwer, die Angeklagte mit dieser Tat in Einklang zu bringen“, befand er. Auch ihre Charakterisierung durch Zeugen, als lebensfroh und unternehmungslustig, stehe dem entgegen. Vor Gericht habe sie sich eher „als Opfer“ präsentiert, „verheult und den Kopf demütig gesenkt“.

Der Oberstaatsanwalt bat das Gericht zu bedenken, wie die Tat eingeschätzt würde, „wenn der Täter ein Mann wäre“. Wenn ein Mann, „der seine Frau nach Strich und Faden betrogen hat“, der sie öffentlich geschlagen und gedemütigt hat, der sie ausgenommen hat und als Vater auf dem Absprung war, „im Suff und Zorn“ zugestochen hätte. Leider hätten die Angeklagte und auch ihre Eltern die Chance vertan, ihre Tat im Prozess aufzuarbeiten, bedauerte Klose. „Sie blockte es ab, da in die Tiefe zu gehen.“

Deutlich schärfer argumentierte Rechtsanwältin Jutta Rager als Vertreterin der Familie des Getöteten: Überzeugt, dass die Angeklagte vorsätzlich handelte, forderte sie neun Jahre Gefängnis. Nach den übereinstimmenden Angaben von Zeugen habe die 27-Jährige keine alkoholbedingten Ausfallerscheinungen gezeigt. „Sie konnte also zum Tatzeitpunkt alles richtig wahrnehmen“, folgerte Rager. Die Angeklagte sei enttäuscht gewesen, weil ihr Geliebter aus dem Badischen am Tattag beim Fasnetsumzug abgesagt hatte. „Stattdessen erlebt sie ihren Ehemann, der auch noch Widerworte gibt.“

Die 27-Jährige sei an Alkohol gewöhnt gewesen, so Rager mit Bezug auf das gerichtsmedizinische Gutachten. Zudem sei sie in der Lage gewesen, nach der Tat verschleiernde „Geschichten zu erzählen“. Vor der Tat habe es mindestens vier tätliche Übergriffe der Angeklagten auf ihren Ehemann gegeben. Wenn der Täter wisse, dass er zu Gewaltausbrüchen neigt, könne eine eingeschränkte Schuldfähigkeit nicht gelten. Eine Beziehungstat sei möglich. Aber: „Womöglich ging es bei dem Streit der Eheleute tatsächlich nur um die Narrenzunft, und die Angeklagte reagierte nur so, wie sie es immer tat, wenn sich ihr jemand widersetzte.“

Der Verteidiger wiederum sprach von einem tragischen Tod, den die Angeklagte zu keiner Zeit gewollt habe. Bei ihrem Seitensprung habe die 27-Jährige „das Besondere genießen, aber auf keinen Fall die eigene Familie aufgeben“ wollen. Durch das „Zusammenwirken von Affekt und Alkoholisierung“ sei „ein minderschwerer Fall von Totschlag“ gegeben. Ihren Arbeitsplatz, so der Verteidiger, könne die Angeklagte aber nur behalten, wenn ihre Haftstrafe vier Jahre nicht überschreite.

In ihrem letzten Wort sagte die Angeklagte: „Ich bin für das Riesenunglück, das ich angerichtet habe, verantwortlich.“ Wie sie diese Schuld ihr Leben lang tragen und verkraften werde, wisse sie selbst noch nicht. Sie müsse für ihre Kinder stark sein. Sie habe ihren Kindern den Vater, ihrer Schwiegermutter den Sohn genommen. Es tue ihr unendlich leid, sagte die Angeklagte, bevor sie das Gericht – für ihre Kinder – um eine erträgliche Perspektive bat. Das Urteil wird am Montag, 29. Oktober, gesprochen.

Info Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Christoph Sandberger; Schöffen: Hans-Peter Evers, Fritz Peter Franz Schwägerle. Staatsanwalt: Martin Klose. Nebenklage: Jutta Rager. Verteidiger: Peter Zoll.

27.10.2012 - 14:30 Uhr | geändert: 29.10.2012 - 16:35 Uhr

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