Die Stühle reichten nicht bei der offiziellen Kandidatenvorstellung am Donnerstagabend in Wachendorfs Mehrzweckhalle: An die 700 Menschen wollten dabei sein, als die drei Kandidaten zur Bürgermeisterwahl am 29. Januar sich erstmals auf einer gemeinsamen Veranstaltung den Wähler/innen präsentierten.
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Willibald Ruscheinski
Starzach. Im Saal sein durfte allerdings immer nur jeweils einer der drei Bewerber. So wollten es die Regeln, die auch die Redezeit und jene für die Beantwortung von Fragen auf jeweils eine Viertelstunde limitierten. „Tun Sie keine beleidigenden Äußerungen!“, schärfte Wahlausschuss-Vorsitzende Jutta Keller, die mit sanftem Humor durch den Abend führte, dem Publikum ein. Von der „Wachendorfer Schelle“, die sie als Disziplinierungsinstrument bereitgelegt hatte, musste Keller aber keinen Gebrauch machen.
Noch mehr Interesse als bei der Bürgermeisterwahl 2004: Bald 700 Starzacher/innen zog es am Donnerstagnachmittag in die Mehrzweckhalle.Bild: Mozer
„Starzach hat sich während der letzten acht Jahren trotz schwieriger finanzieller Rahmenbedingungen hervorragend weiterentwickelt“, zog Amtsinhaber Thomas Noé in seiner Rede Bilanz. „Nur, wer seine Aufgaben kennt“, könne auch „in Zukunft zielgerichtet an der Aufgabenerfüllung arbeiten“, warb der 44-Jährige und empfahl sich als „Bürgermeister, der über den Tellerrand blickt und neue Wege geht.“ Auch als „Schultes zum Anfassen“, der in acht Jahren „kaum eine Gelegenheit ausgelassen hat, Sie zu treffen“.
Schon in seiner Rede sprach Noé den Konflikt auf dem Rathaus an, Hinterher sorgte das Thema dafür, dass er mehr Fragen aus dem Publikum auf sich zog als seine beiden Mitbewerber zusammen. Wie es weiter gehe, wollte Bernhard Wädekin wissen: „Die Kontrollfunktion des Personalrats könnte dann ja so weit reichen, dass Sie ohne Erklärung fast nur noch auf die Toilette gehen könnten.“ Er werde mit jedem Mitarbeiter „ein vertrauliches Gespräch führen“, kündigte Noé an – ob mit oder ohne Personalrat, bleibe dem Gesprächspartner überlassen.
„Wenn der Konflikt durch Gespräche zu lösen ist, warum haben Sie es nicht schon längst getan?“, fragte prompt Beate Wiest. Er habe sich an die Ergebnisse der Mediation gehalten, erwiderte der Bürgermeister, „und das ist nicht jedem gelungen. Manche getrauen sich nicht mit mir zu reden, weil sie Sanktionen befürchten.“ Auch Martin Ginter hakte nach, was nach dem 29, Januar anders werden könnte. „Die Situation“, sagte Noé: „Es wird nicht mehr die Wahl im Vordergrund stehen und nicht die bisherigen Machtspiele.“
Hat der Gemeinderat recht daran getan, den Konflikt vor der Wahl an die Öffentlichkeit zu tragen, und durften sich die Bediensteten an das Gremium wenden? Zweimal nein, findet Noé: „Das Kontrollorgan wären andere gewesen. Dazu hätte eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht werden müssen, aber das ist nicht geschehen.“ Und die Gemeinde als solche habe keinen Schaden erlitten: „Sind wir ehrlich – wenn das Thema nicht aufgebauscht worden wäre, hätte es keiner gemerkt.“
Thomas Noé Bild: Mozer
„Spätestens seit meinem Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt ist die Idee im Kopf“, erzählte Michael Rilling von seinen Bürgermeister-Ambitionen. Und im Sommer 2010 sei die Entscheidung mit der Familie gefallen. Der 34-jährige Polizeihauptkommissar stellte sich als Führungskraft vor, deren Stil von „Offenheit, Transparenz und persönlichem Engagement geprägt ist“. Und die einen „Neustart im Rathaus“ ermögliche. „Nur durch das Vorleben seiner Ansprüche erreicht man Ziele und motiviert seine Mitarbeiter“, kündigte der Wachendorfer an.
Um dem drohenden Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken, müsse Starzach pro Ortsteil immer fünf bis zehn gemeindeeigene Bauplätze vorhalten. „Kein Hirngespinst“ sei auch mehr Nahversorgung: Drei Bäckereien aus der Region hätten auf seine Initiative hin Interesse am Standort Wachendorf angemeldet und „stehen bereits in den Startlöchern“.
„Völlig planlos“ entwickle sich Starzach derzeit, sagte Rilling – für ihn das größte Defizit. Deshalb will der Herausforderer im Falle seiner Wahl einen Gemeindeentwicklungsplan ins Werk setzen. Ein Projekt, das Rosetta Venturino in der Fragerunde aufgriff. Bürger sollten daran in themenbezogenen Arbeitsgruppen mitarbeiten, erläuterte Michael Rilling. Und moderiert werden solle der ganze Prozess dabei nicht vom Rathaus, sondern einem externen Büro: „Das kostet Geld, das aber gut angelegt ist. Denn am Ende soll der Plan von Ihnen kommen, den Bürgern.“
Michael Rilling Bild: Mozer
„Ich bin der rote Farbklecks in der Kandidatenrunde“, diente sich Wolfgang Schäfer der Wählerschaft an und versprach: „Starzach wird sicher kein kommunistisches Starzach, wenn ich als linker Unternehmensberater von Ihnen zum Bürgermeister gewählt werde.“ Statt noch mehr zu sparen, forderte der 53-Jährige, die kommunalen Einnahmen zu erhöhen – durch den Verkauf selbst erzeugter Energie aus regenerativen Quellen, aber auch die Umverteilung von Geldern vom Bund und den Ländern auf die Gemeinden etwa. Dafür werde er im Rathaus „kämpfen“.
Eine in Bierlingen zu bauende Markthalle, so Schäfer weiter, könne einerseits den regionalen Handel stärken und gleichzeitig den Vereinen als zusätzliches Veranstaltungslokal dienen. „Auf dem Rathaus keinen Platz haben“ dürfe „Feindseligkeit, Mobbing und das Schlechtmachen von Mitmenschen – auf keiner Seite!“ Es verbiete sich auch, „unentgeltliche Mehrarbeit zu fordern“ von den Bediensteten.
„Keine schweren Fragen“ wünschte sich Schäfer anschließend und erheiterte das Publikum damit abermals. „Glauben Sie nicht, dass Sie mit dem Bürgermeisteramt ein bisschen überfordert wären?“, wollte aber gleich Gerhard Rohrmoser wissen. „Nach langjähriger Tätigkeit in der Wirtschaft sind die Dinge für mich zu bewältigen!“, gab der gelernte Bankkaufmann Bescheid. Derzeit würden „die ganzen Rathäuser von konservativen Veraltungsleuten und Juristen geführt. Aber Verwalten ist etwas anderes als Gestalten.“ Widerspruch erntete Schäfer ausgerechnet für vermeintliche Verbesserungsvorschläge, zum Beispiel bei den kommunalen Jugendtreffs. Das verrate mangelnde Ortskenntnis, urteilte ein Frager: „Ihr Programm ist abstrakt und allgemein gehalten.“ Den Kandidaten wunderte das: „Wenn Sie nicht einen Bürgermeister wollen, der etwas verbessern möchte, dann frage ich mich, warum Sie diese Wahl überhaupt veranstalten.“
Wolfgang SchäferBild: Mozer
Info TAGBLATT-Wahlpodium mit allen drei Kandidaten ist am Montag, 23. Januar, um 19 Uhr ebenfalls in der Mehrzweckhalle Wachendorf