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Wahre Lügen

Ein Erzählabend in der Schnitzerwerkstatt

Noch jemand ein Zäpfle?“, fragt Bierverteiler und Co-Organisator Gerhard Erdmann zwei Dutzend Zuschauer, die sich auf den abgewetzten Kirchenbänken in Josef Baurs Bierlinger Schnitzwerkstatt drängen.

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Ein Raum wie geschaffen dafür, gemeinsam in die zweite Realität des Erzählten wegzutauchen: ... Ein Raum wie geschaffen dafür, gemeinsam in die zweite Realität des Erzählten wegzutauchen: Stefan Schweizer (im Bild rechts) liest in Josef Baurs Schnitzwerkstatt. Bild: Mozer

Bierlingen. Die gilt auch sonst als beliebte Anlaufstelle für Rentner und andere Starzacher mit Tagesfreizeit, die gern anderen bei der Arbeit zugucken und dabei ein Schwätzchen halten. An diesem Mittwoch aber ist das kleine Atelier proppenvoll, denn es dient als Ausweichquartier für die nieselregenhalber aus Baurs Garten unters feste Dach umgezogene Vorleserunde des Forums Kultur Starzach.

Zwischen Poliermaschinen, Bollerofen und WM-Fähnchen also schlägt Revierförster Stefan Schweizer seine Anthologie mit Ferienstorys auf, gibt zum Warmlaufen erst eine von René Goscinnys mild-ironischen Familiengeschichten zum Besten, um dann mit einer kleinen Rarität aufzuwarten: einer Geschichte von Hermann Harry Schmitz. Dieser Kleinmeister des Surrealen und Grotesken verdichtete schon vor 100 Jahren Kleinbürgerängste zu fast alptraumartigen Katastrophen-Kaskaden – so auch hier: „Wie es kompliziert war, bis ich in die Sommerfrische kam“ schwelgt in Bergen abwesenheitshalber vor der Tür liegen bleibender Frühstücksbrötchen, unter denen ganz Düsseldorf zu versinken droht, und Postanweisungen, die vor lauter bürokratischen Hürden tagelang nicht abholbar sind.

In die Welt der alt-anatolischen Karawansereien, wo zwischen Wasserpfeife und Kameldung Erzähl-Profis die Reisenden unterhielten, entführte dann Alt-Gemeinderätin Jutta Keller mit einem orientalischen Märchen Elsa Sophia von Kamphoeveners, die Ende des 19. Jahrhunderts als Tochter eines deutschen Militärberaters im Osmanischen Reich aufwuchs.

Wie die Rahmengeschichte aus 1001 Nacht kreist auch ihr orientalisches Kunstmärchen um die Macht des Erzählens: „Vierzig Lügen“, so der Titel, tischt ein Königssohn einem Zwerg auf, um das Reich seines Vaters wiederzuerlangen. Erfindung, die unversehens zur Realität wird, denn: „Lügen zeigen des Menschen tiefste Wahrheit. Darin sind sie den Träumen gleich.“willibald ruscheinski

Info: Erzählabende veranstaltet das Forum Kultur in diesem Sommer keine mehr, aber am Freitag, 30.Juli, eine Open-Air-Kinonacht im Felldorfer Schlosshof.

18.06.2010 - 08:30 Uhr
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