Unternehmer Georg Speidel züchtet Wild an der Ofterdinger Endelbergstraße
In der Ofterdinger Endelbergstraße wirbt ein Autohaus für seine Fahrzeuge, die Plakatdame von Danas Modeladen schmückt sich mit einer Wollmütze und der Damhirsch auf der anderen Straßenseite mit seinem Geweih. Unternehmer Georg Speidel hat im Gewerbegebiet ein Gehege gebaut und züchtet genügsames Damwild.
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susanne Wiedmann
Die Damhirsche beim Mittagsmahl: Neben seinem Wohnhaus baute Georg Speidel, der nicht mit aufs Bild wollte, ein Gehege für die Wildtiere.Bild: Rippmann
Ofterdingen. Die Brunftzeit ist vorüber. Noch aber ist der Damhirsch aufgewühlt. Das Tier ist aggressiv, kündigt Speidel an. Nicht, dass man sich fürchten müsste, gestoßen oder angegriffen würde. „Er schaut einen so von unten nach oben an.“ Doch Speidel weiß, irgendwann wird der Hirsch sich beruhigen.
Vor zwölf Jahren ließ Georg Speidel, Seniorchef der Speidel Tank- und Behälterbau GmbH, auf der Wiese neben seinem Wohnhaus einen zwei Meter hohen Zaun ziehen, Bäume und Hecken pflanzen, einen Hochsitz aufstellen, ein Futterhäuschen bauen und eine Tränke. Auf rund 10 000 Quadratmetern entstand ein Gehege für Damwild, das die Naturschutzbehörde und das Mössinger Bauamt genehmigten. Und trotzdem spricht Georg Speidel nicht gern über sein Gehege – „wegen der Tierschützer“.
Jedenfalls kaufte er damals fünf weibliche Damtiere und einen Hirsch, der mittlerweile 13 Jahre alt ist. Und noch ein halbes Leben vor sich hat. Mit den abgestoßenen Schaufelgeweihen des Damhirschs dekoriert der Ofterdinger Unternehmer das hölzerne Futterhäuschen. Von Jahr zu Jahr wurden sie größer. Viel größer als das Willkommensschild, das an der Tür prangt.
Verträgliche Artgenossen
„Ich habe einfach Freude an den Tieren“, sagt Speidel. Und mehr will er dazu gar nicht sagen, sondern öffnet lieber die Tür und danach die Deckel der Futterbehälter, schöpft mit einem Eimer Hafer heraus, tritt auf die Wiese hinter dem Holzhaus, wo ein kreisrunder Brunnen aufgebaut ist, und streut den Hafer ringsum. „Komm, komm!“, ruft er den Tieren zu, die sich weit entfernt, am anderen Ende des Geheges zurückgezogen haben. Dort recken sie die Köpfe empor und strecken aufmerksam die Ohren nach vorn.
Früher habe er sich öfter in den Wald aufgemacht, um Hirsche und Rehe zu beobachten, sagt Speidel. Jetzt braucht er einfach aus seinem Fenster herauszuschauen und überblickt das ganze Gehege. Damhirsche sind gedrungener als Rothirsche und könnten im Gatter problemlos gehalten werden, weil sie genügsam sind und verträgliche Artgenossen. In der freien Wildbahn leben sie in Norddeutschland, in der Schweiz und Großbritannien. Aber nicht in der Region.
Georg Speidel schüttet einen Eimer Mais an die Futterstelle und einen Eimer Weizen. Er leert einen Sack Karotten auf den Boden, 25 Kilo. „Mais fressen sie am liebsten“, sagt er nebenbei. Und gerne würden sie an den Baumrinden knabbern. Deshalb hat Speidel sie „eingehaust“. Zwanzig Augenpaare beobachten ihn, wie er die Mahlzeit vorbereitet. Neben dem Hirsch gehören derzeit sechs Kälber zum Rudel. Der Rest besteht aus Weibchen. „Komm, komm!“, ruft er nochmal und zieht sich in das Holzhäuschen zurück.
Je nachdem, wie er Lust und Zeit habe, hält er sich bei den Tieren auf. Drei ältere Weibchen seien sehr zutraulich und fressen ihm aus der Hand. Aber eigentlich möchte er die Damhirsche nicht zähmen. Es sind Wildtiere und er will, dass sie ihren Charakter behalten.
Im Winter füttert er sie alle zwei Tage, aber Heu ist ständig vorrätig. Sommers ernähren sie sich vom Wiesengras. Jeden Tag pumpt Speidel im Brunnen frisches Wasser hinauf. Noch dazu hat er ein Heizsystem eingebaut, damit es nicht einfriert.
Endlich, schrittweise und zögerlich nähern sich die Damtiere der Futterstelle. „Sie merken, dass jemand Fremdes da ist“, ist sich Georg Speidel sicher. Aufrecht elegant tragen die Weibchen Hals und Kopf. Manche haben ein dunkles Fell, andere sind mit weißen Punkten befleckt. Das Wild umkreist den Brunnen, an dessen Fuß das Futter liegt. Erst fressen die einen, während die anderen dahinter warten. Es gibt kein Gezänk und keinen Futterneid. Das Essen reicht für alle. Aber die Tiere veranstalten einen Lärm, lauter als Popcorn im Kino. Es knackt und knabbert, als würde ein Dutzend Leute vor dem Fernseher Erdnüsse kauen.
Der letzte Weg führt zum Gasthof
Damit er weiß, wie die Damhirsche zu pflegen sind, hat Georg Speidel Schulungen besucht. Aber auch darüber will er nichts erzählen. Besonders schön sei aber, wenn ein Kalb geboren werde. Und dabei müsse er gar nicht helfen. „Das geht ohne mein Zutun“, sagt Speidel und schmunzelt.
Acht Monate lang leben die Kälber in Ofterdingen. Dann bestellt Speidel einen Jäger, der sich in den Hochsitz schleicht. Speidel schießt nie selbst: erstens, weil er kein guter Schütze sei, und zweitens, weil er es nicht übers Herz bringe. Selbst essen die Speidels die Tiere nicht. Seine Frau mag das nicht so gern, deutet der Unternehmer an. Deshalb führt ihr letzter Weg die Damhirsche zu einem Gasthof.