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Des gfällt mr heut no!

Wie die Nehrener den Generalstreik unterstützten

„Des gfällt mr heut‘ no!“ Sagte Wilhelm Essich, gebürtiger Nehrener, in einem Fernsehfilm, in dem der Kommunist über jenen letzten Tag des Januar 1933 berichtete, an dem er mit etlichen seiner Genossen nach Mössingen marschierte, um die Machtübernahme der Nationalsozialisten durch einen Streik zu verhindern.

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Jürgen Jonas

Nehren. Die Mössinger erhielten Solidarität aus dem Steinlachtal, auch aus Nehren oder Bodelshausen. Nun bekundeten viele Nachkommen, dass sie ihre Angehörigen, die sich gleich zu Beginn des „Dritten Reiches“ zur Wehr gesetzt hatten und dafür angeklagt und verurteilt wurden, endlich auf angemessene Weise gewürdigt sehen wollten.

Der Nehrener Arbeitersportverein in den 1920er-Jahren. Von links: Paul Schlotterer und Eugen König; ... Der Nehrener Arbeitersportverein in den 1920er-Jahren. Von links: Paul Schlotterer und Eugen König; im dunklen Hemd in der Mitte Ernst Kuttler (einer der Generalstreiker); der Zweite von rechts ist Jakob Fauser. Der Mann mit der Mütze ist Reinhold Nill – einer der Generalstreiker. Links liegt der Dorfdichter Eugen Nill, der auch beim Theaterstück vom „Armen Konrad“ mitgewirkt hat. Im Arbeitersportverein waren viele Linke aktiv. Privatbild

Das ist bisher nicht geschehen, ihr Ansehen wurde sogar in Frage gestellt, ihre Bestrafung als Makel erlebt. Eine Frau aus dem Publikum fragte beim Vortrag ungläubig, ob es denn wirklich sein könne, dass die Generalstreikler keinerlei Anerkennung erfahren hätten. „Ich freue mich, dass an diese Leute erinnert wird“, sagte Hans Wener, der in Nehren im Stiegel aufgewachsen ist, erzählte von seinem Großvater, Josef „Jupp“ Wener, einem Genossen von August Nill, dem Leiter des KPD-Ortsverbands. In der Werkstatt des „langen Wägners“ habe er als Junge, auf der Werkbank hockend, aufmerksam die Debatten verfolgt und „dialektisches Denken“ gelernt. Als eine Art „Reliquie“ hatte Wener eine originale Querflöte des Spielmannszuges des Arbeitersportvereins Nehren mitgebracht, in dem sein Vater und viele andere Linke aktiv waren. Ute Zapf, gebürtige Nehrenerin, Mitglied im Kreisvorstand des Mitveranstalters, der VVN-Bund der Antifaschisten, hat in ihrer Zeit am Quenstedt-Gymnasium in Mössingen im Unterricht kein einziges Wort über den Generalstreik gehört. Sie forderte Bürgermeister Egon Betz auf, „endlich eine Straße im Neubaugebiet nach August Nill oder Ernst Kuttler zu benennen“. Was allgemeinen Beifall fand. Das Geld, das die Besucher spendeten, geht in einen Fond, der einen Beitrag zum Geschichtspfad leisten soll, über den diskutiert wird. Eine der Tafeln soll auch an den Generalstreik und seine Mitstreiter aus Nehren erinnern.

Wie „rot“ war Nehren? 1919 stimmten 57, 5 Prozent bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung sozialistisch, 351 Stimmen kassierte die SPD, vier die USPD. Fünf Jahre später, bei der Reichtagswahl 1924, votierten 57, 9 Prozent der Nehrener Bürger für die KPD, gerade mal 5,4 Prozent für die SPD. Bei der Wahl zum Reichstag am 14. September 1930 verteilten sich nahezu gleichmäßig 66,7 Prozent der Wählerstimmen auf die Linke aus SPD und KPD. Bei der letzten Reichtagswahl waren es noch – gleichfalls fast gleich verteilt – 52, 5 Prozent (Hitler erhielt 38,2 Prozent).

Im Zusammenhang mit der Gründung der KPD in Nehren, von der es praktisch keine schriftlichen Quellen gibt, hatte ich im Steinlachboten aus einem Text des Dorfchronisten Karl Steimle zitiert, in dem dieser über Karl Löffler als Mitbegründer der Nehrener KPD schrieb. Ein Enkel des Dettenhäusers, Ludwig Krapf, der in Nehren aufwuchs, widerspricht entschieden Steimles Darstellung, sein Großvater sei später zu den Nazis übergelaufen.

Karl Löffler habe Maurer gelernt, vor dem Ersten Weltkrieg etwa an der Bauhütte des Ulmer Münsters gearbeitet. Im Krieg wurde er schwer verletzt, konnte nicht mehr als Maurer arbeiten. Er hat dann, so der Enkel, im Sägewerk von Wurster & Dietz in Derendingen gearbeitet, verunglückte Anfang der zwanziger Jahre schwer, „aufgrund gravierender, von der Betriebsleitung erzwungener Verstöße gegen die Arbeitssicherheit“. Eine Ladung mit Holzstämmen war ins Rutschen gekommen und hatte ihn unter sich begraben. „Er war querschnittsgelähmt und konnte sich Zeit seines Lebens nur mühsam auf Krücken fortbewegen.“

Krapf schildert seinen Großvater als „rechtschaffenen, rechtlich denkenden, sehr intelligenten und außerordentlich witzigen Mann, der sich mit Ungerechtigkeit und sozialer Not nicht abfinden wollte.“ Als Vollwaise erfuhr er die soziale Ausgrenzung am eigenen Leib. Er kam zur KPD, weil er gesehen hatte, wie der damalige kommunistische Landtagsabgeordnete in einer langwierigen Auseinandersetzung seiner Schwiegermutter, die schuldlos völlig verarmt war, mit der Rentenversicherung ihre Ansprüche durchsetzen und zu ihrem Recht verhelfen konnte. „Das Modell des Kommunismus als einer gerechteren Gesellschaftsform hat ihn intensiv beschäftigt und sehr stark beeindruckt. Zu dieser inneren Haltung stand er bis zu seinem Tod im Frühjahr 1951.“

Löffler habe nie die Fronten gewechselt, die Nazis gehasst und unter ihnen gelitten. Wieder und wieder sei das kleine Haus der Familie auf den Kopf gestellt und nach Waffen durchsucht worden. Auch die Bemerkungen Steimles über Aktivitäten von Löfflers Frau Mina und deren Schwester Klara Schneider bei den Kommunisten seien aus der Luft gegriffen. Mina habe zu ihrem Mann gestanden; dass sie sich in der kommunistischen Agitation in besonderer Weise hervorgetan hätte, ist durch nichts belegt, aufgrund ihrer eher zurückhaltenden Art in hohem Maße unwahrscheinlich.

Die Nehrener Generalstreiker: bisher fast unbekannt
Starkes Interesse am Mössinger Generalstreik. Auch an den Teilnehmern, die am 31. Januar 1933 aus Nehren in die Nachbargemeinde zogen, um gegen die Etablierung der Nazi-Herrschaft zu demonstrieren. Am Freitag vergangener Woche referierte TAGBLATT-Mitarbeiter Jürgen Jonas, der mit zahlreichen Zeitzeugen und deren Nachkommen gesprochen hatte, über das „rote Nehren“ und die jungen Männer, die sich damals gegen Hitlers Machtergreifung zur Wehr setzten. Bisher war in der Öffentlichkeit kaum etwas über sie bekannt. 120 Besucher kamen. Im TAGBLATT druckten wir den Vortrag in Auszügen und mit vielen Fotos versehen in der Samstagsausgabe ab (an der Stelle nochmal herzlichen Dank an alle, die Bilder zur Verfügung gestellt haben) . Nun folgt Teil 2: Jürgen Jonas berichtet, was er in der Zwischenzeit erfahren hat.


01.12.2012 - 08:30 Uhr

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