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Sammelstelle für aufgebrauchtes Spielzeug

Rotfuchs liefert Diebesgut in die Friedrichstraße

In der Ofterdinger Friedrichstraße ist das Sortiment aufgebaut: Nicht weniger als 19 Schuhe hat Albert Albrecht in der Auslage. Und jede Nacht wird ein neues Modell geliefert. „Er hat halt Freude dran“, sagt Albrecht gelassen über seinen Boten – den Rotfuchs. Und Revierförster Reinhold Gerster glaubt: „Herr Albrecht kann bald eine Schuhbörse eröffnen.“

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susanne wiedmanN
Artikelbild: Rotfuchs liefert Diebesgut in die Friedrichstraße Archivbild

Ofterdingen. Einmal hat ihn Albert Albrecht ertappt. Spätabends um halb elf Uhr beobachtete er, wie ein Fuchs in seinen Hof marschierte. Ein ausgewachsenes Tier. In seiner Schnauze steckte ein Schuh, den er auf den Boden plumpsen ließ, bevor er seinerseits Albert Albrecht entdeckte. „Er hat geschimpft und gebellt“, sagt Albrecht.

Vor rund zwei Wochen tauchten die ersten Schuhe in Albrechts Hof auf. Seither darf er jeden Morgen auf ein neues Modell gespannt sein: Birkenstock-Sandalen, Clogs, Garten-Pantoffeln, Stiefel und Turnschuhe. Gestern fand sich das erste komplette Paar zusammen. Ein Turnschuh traf ein, dessen Pendant bereits vor einer Woche bei Albert Albrecht in der Ofterdinger Friedrichstraße angeliefert wurde. Allesamt müssen sie im Garten unterwegs gewesen sein, noch klebt lehmige Erde an ihren Sohlen. Und weil man nach der Gartenarbeit die schmutzigen Schuhe nicht ins Haus trägt, sondern vor der Tür parkt, hat der tierische Dieb leichtes Spiel.

Apropos Spiel. Die größeren Jungfüchse, zehn bis zwölf Wochen alt, vertreiben sich die Freizeit gerne mit abgetragenen und ausgetretenen Schlappen, erklärt Jürgen Schneider, der Wildtierbeauftragte des Landkreises Tübingen, auf Anfrage des TAGBLATTS. Und wenn sie ihre Spiellust verlieren, entsorgt ihre Mutter die Treter. Aber eben nicht im nächsten Schuh-Container, sondern in diesem Fall im Hof von Albert Albrecht. „Als alter Waldgänger ist er ihnen halt bekannt“, scherzt Revierförster Reinhold Gerster. Und Jürgen Schneider vermutet: „Der Fuchsbau ist wahrscheinlich ganz in der Nähe.“ Dass jedoch so viele Schuhe an einen Ort geschafft werden, davon hat Schneider noch nicht gehört.

Gestern im Angebot: 17 Einzelstücke und ein Paar am Gehweg in der Ofterdinger Friedrichstraße. Ob ... Gestern im Angebot: 17 Einzelstücke und ein Paar am Gehweg in der Ofterdinger Friedrichstraße. Ob sie bereits irgendwo vermisst wurden? Bild: Franke

Im Umkreis von rund 500 Metern hat der Fuchs sie stibitzt, glaubt Albrecht. Sechs Schuhe wurden gestern Früh von einigen Nachbarn bereits wieder abgeholt. Der Ofterdinger sagt: „Es hat sich ein bissle rumgesprochen“, dass sich bei ihm ein Schuhdepot angesammelt hat. Eine Frau habe ihren Schuh zwar wieder gefunden, werde ihn aber nicht mehr anziehen. „Es hat sie geekelt, dass er in der Schnauze eines Fuchses steckte.“ Drei Schuhe hat Albrecht selbst weggeworfen. „Sie waren so hässlich.“

Es ist ja nicht so, dass die kleinen Füchse besonders behutsam mit ihrem Spielzeug umgehen. Vielmehr zerbeißen und zerpflücken sie es. Klar, dass davon auch kein Jungtier satt wird. Mehr als ein Appetitanreger kann es nicht sein.

Jedenfalls interessieren sich nicht alle Jungfüchse für das menschliche Schuhwerk. Da die Füchse wie ein Rudel organisiert sind, herrscht eine klare Rangordnung. Wer zur Führungsriege gehört, hat den optimalen Fuchsbau. Und der Nachwuchs die attraktiveren Spielutensilien. „Der Fuchs hat’s lieber ruhig“, erklärt Schneider. Das heißt: Die beste Wohngegend ist nicht in Ortsnähe. Wer also dort sein Domizil hat, wie der Schuhlieferant, ist in der Hierarchie weiter unten angesiedelt. Und die heranwachsende Generation muss sich mit abgenutzten Latschen vergnügen. Die Kinder aus der Chefetage spielen lieber mit Rehknochen und Hühnerköpfen.

Juni 2011: Tierischer Schuh-Schapper

Juni 2009: Fuchs, du hast die Schuh gestohlen

Juni 2009: Fuchs stibitzt alte Treter

Als der Fuchs die Hennen holte
Dass in Ofterdingen – und nicht nur dort – der Fuchs umgeht, ist lange schon bekannt: So verlor etwa Dieter Speidel im vergangenen Jahr in einer einzigen Nacht über 100 freilaufende Hennen. Gefräßige Füchse beförderten sie vom Leben in den Tod. Ebenfalls im vergangenen Jahr wurden in der Mössinger Gustav-Werner-Straße haufenweise Schuhe geklaut, am liebsten solche aus Leder. Genauso verschwanden in Poltringen vor einigen Jahren Schlappen, Latschen und Stiefel. Der Wildtierbeauftragte Jürgen Schneider berichtet von einer Fähe (weiblicher Fuchs), die derzeit mit ihren Jungen eine Terrasse in Immenhausen okkupiert habe. Und in einem weiteren Hausgarten in Kusterdingen würde sich eine Fuchsfamilie herumtreiben. „Die Jungfüchse werden immer unverfrorener und dreister“, sagt Revierförster Reinhold Gerster. „Sie haben noch nie einen Feind erlebt. Den Menschen sehen sie nicht als Gefahr, nur als Störer.“


22.05.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 22.05.2012 - 12:05 Uhr

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