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Nehren: Viel Wind um nichts?

Möglicherweise nur ein einziger Windkraft-Standort

Nicht am Rand des Kirschenfelds, nicht im Wald, nicht dort, wo es die Landschaft stört: Lange diskutierten die Nehrener Gemeinderäte darüber, wo auf keinen Fall Windräder hin sollen, über die Atomkraft und das Sankt-Florians-Prinzip. Das hätten sie sich vielleicht sparen können. Offenbar hatten die Planer ein, zwei Häuser übersehen, zu denen sie Abstand halten müssen.

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Gabi Schweizer

Nehren. F1, F2 und F3 gingen ins Rennen, nur F2 fanden die Gemeinderäte wirklich gut. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein kleiner Flecken Land am westlichen Ortsende, direkt an der Gemarkungsgrenze zu Ofterdingen und Dußlingen. Wenn diese beiden Gemeinden dort ebenfalls Windräder zulassen, könnte ein gemeindeübergreifendes Projekt entstehen (Dußlingen hat schon zugesagt). Anders geht es auch gar nicht. Der kleine Nehrener Zipfel reicht gerade mal für einen einzigen „Spargel“, wie Bürgermeister Egon Betz die hohen schlanken Masten mit Mercedesstern-förmigem Rotorblatt nannte, wohl wissend, dass es über deren optische Qualitäten Debatten im Flecken geben könnte.

Den Nehrener Wald und das Kirschenfeld, auch dessen Rand, möchte der Gemeinderat nicht zum ... Den Nehrener Wald und das Kirschenfeld, auch dessen Rand, möchte der Gemeinderat nicht zum Windkraft-Standort machen: Die allermeisten sprachen sich dagegen aus, F1 und F3 als „Konzentrationsflächen“ auszuweisen. Möglich, dass beide ohnehin nicht (oder teilweise nicht) in Frage kommen. Die Planer hatten das Firstwald-Gymnasium (dicht bei F3 gelegen) und das bewohnte Bahnwärterhäuschen zwischen Nehren und Gomaringen (dicht an F1) vergessen. Und müssen nun prüfen, ob der Sicherheitsabstand reicht. Orange sind übrigens die Flächen, die sich prinzipiell für Windräder eignen, grau (und braun) die Sicherheitsabstände zu Wohngebieten und im Westen zu einem Aussiedlerhof – diese Flächen sind tabu. Der weiß hinterlegte F1-Teil ist – nach derzeitigem Stand der Technik – nicht windig genug. Grafik: Heyder und Partner

Erst einmal gab es diese Debatten gestern Abend im Gemeinderat – und zwar hauptsächlich über die anderen beiden Flächen, die das Tübinger Büro Heyder und Partner gefunden und zur Debatte gestellt hatte: ein wesentlich größeres Grundstück im Osten und eins im Süden, direkt an der Grenze zu Mössingen. Gar nicht begeistert klangen die meisten Gemeinderäte – selbst dann, wenn sie, wie Marlies Lipps (CDU) davon redeten, eine Sankt-Florians-Taktik dürfe ja auch nicht sein: Auch sie fand nur F2 akzeptabel. Vom Albpanorama war immer wieder die Rede, davon, dass man keinen Wald abholzen dürfe (hier kam bei Egon Betz der Förster wieder durch), dass gerade im Osten der Gemarkung viele naturschutzrechtlich sensible Flächen zu finden seien. Vor allem Antje Rueß-Warth (SPD) schien ganz und gar nicht angetan von der neuen Regelung, derzufolge die Gemeinden nun selbst dafür zuständig sind, Flächen für Windkraft auszuweisen: „Das ist eine Unverschämtheit den Kommunen gegenüber!“ Als Vorsitzende im örtlichen Nabu-Verein sorgt sie sich zum Beispiel um Vögel, die in die Rotorblätter geraten könnten.

Früher mussten Gemeinden sich an die Vorgaben des Regionalplans halten – mit der Konsequenz, dass sie nichts taten, erläuterte Betz, dem trotz aller Bedenken „ein Windrad lieber ist als ein atomares Endlager“. Nun können die Gemeinden zwar auch untätig bleiben, haben dann aber kein Mitspracherecht, wenn ein Bauantrag vorliegt. Weisen sie von Vornherein „Konzentrationsflächen“ aus, stehen die Chancen besser, dass es bei jenen bleibt – und sie können städtebauliche Gründe angeben. Aber eine „Windkraft-Verhinderungstaktik“ darf es auch nicht werden, stellte Planerin Maria Gialama klar, die mit ihrem Kollegen Sebastian Franz in die Sitzung gekommen war. Und wie ist es keine Verhinderungstaktik? Mit einem „schlüssigen Konzept“ – jedenfalls nicht, indem man, wie von Andreas Neuscheler vorgeschlagen, behauptet, es gebe keinen Platz. „Ich bin ein wenig erstaunt, dass der Grundtenor gegen die Windenergie ist!“ meldete sich Ulrich Wulle (FWV) zu Wort – und bekräftigte nochmal, ein Windrad sei doch viel besser als ein Kühlturm. Fraktionskollege Gerd Klett und Hans Rebmann (SPD) argumentierten ähnlich.

Viel Lärm – vielleicht um nichts. Nach langer Debatte fragte Hans Rebmann plötzlich: Und das Firstwald? Liege die Schule mit Internat nicht viel zu nah an „F3“? Ups. Daran hatten die Planer offensichtlich nicht gedacht. Ebenso wenig hatten sie gewusst, dass das kleine Häuschen am Bahndamm zwischen Nehren und Gomaringen bewohnt ist. Und dann gilt: 700 Meter Abstand. Jetzt wird nochmal geprüft – und nochmal diskutiert. Was ein anderes Problem auf salomonische Art und Weise löste. Gerd Klett hatte nämlich moniert, die Fraktionen hätten sich gar nicht richtig vorbereiten können: Die Vorlage war ziemlich schematisch und erklärungsbedürftig.

Nehren als Windkraft-Standort?
Es ist extrem unwahrscheinlich, dass in nächster Zeit Windräder in Nehren gebaut werden. Denn dort weht kein scharfer Wind – auf einer Höhe von 100 Metern fegt er mit gerade einmal 5 Metern pro Sekunde daher. Interessant wird es eigentlich erst ab 5,5, ideal ab 6,5. Allerdings könnte Nehren in den Fokus rücken, sobald sich die Technik weiterentwickelt hat. Zumal es mittlerweile schon Windräder gibt, die 280 Meter hoch sind, ergänzte Gerd Klett die Erläuterungen der Planer (gängig sind momentan 140 Meter) – je weiter oben, desto heftiger der Wind. Naturschutzgebiete übrigens werden teilweise für die Windkraft geöffnet. Wenn eine Gemeinde solche ausschließt, hat sie keine Garantie, dass dort niemals Windräder gebaut werden. Das Landschaftsbild gilt als noch schlechteres Argument. Planerin Gialama machte deutlich: „Wissen werden Sie es erst, wenn jemand klagt.“ Im Übrigen gebe es landesweit gar nicht so viele Flächen, die tatsächlich in Frage kommen, berichtete Planer Sebastian Franz: Der zweitgrößte Windpark liege in Simmersfeld – nicht, weil dort besonders viel Wind weht, sondern weil ein ehemaliges Militärgelände mit guten Zuwegen das Bauen leicht machte.


31.10.2012 - 07:30 Uhr | geändert: 31.10.2012 - 17:26 Uhr

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