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Kleine Paradiese, gut versteckt

Mitten in Nehren reift das Obst: Das soll so bleiben

„Unter dem Pflaster liegt der Strand“ – aber noch viel besser ist es natürlich, man hat erst gar keinen Asphalt draufgekippt. Nachverdichtung ist gut, aber nicht um jeden Preis, argumentieren mittlerweile die Behörden, die einige Flächen als „Freiräume im Siedlungsbereich“ definieren. Ein Rundgang zu den schönsten Flecken Nehrens – von denen die meisten allerdings in Privatbesitz sind.

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Gabi Schweizer

Nehren. Schnurgerade führt ein kleiner Weg durchs Paradies: rechts die Apfelbäume, links der Mössinger Sommer, überall Königskerzen, Tomaten, Brombeeren, Zucchini, Gurken, Lauch, Kartoffeln, Rosenkohl. Und mittendrin Peter Steimle in gelben Gummistiefeln, der einen Rasenmäher schiebt. Steimle ist einer derer, die das Glück haben, einen Garten Im Stiegel zu besitzen – und mittlerweile auch die Gewissheit: Dieses blühende Kleinod mitten im Dorf soll bleiben, wie es ist. Weil nämlich das Tübinger Landschaftsplanungsbüro Menz und Weik es als schützenswert definiert hat. Wenn eine Gemeinde ihren Flächennutzungsplan fortschreibt, muss sie viel stärker als früher die Flora und die Fauna berücksichtigen – und die Menschen, die Erholungszonen brauchen.

Blick auf die Nehrener Kirche, vom Bundackerweg aus gesehen: Auch diese Streuobstwiesen sind im ... Blick auf die Nehrener Kirche, vom Bundackerweg aus gesehen: Auch diese Streuobstwiesen sind im Umweltbericht als „bedeutender Freiraum im Siedlungsbereich“ ausgewiesen und sollen somit das bleiben, was sie sind: Natur. Bilder: Schweizer

Es ist eine spannende Debatte, die gerade abläuft. Einerseits ist da der Wunsch, so wenig Fläche wie möglich zu verbauen, lieber innerorts nachzuverdichten als außerorts ein neues Baugebiet auszuweisen. In Gomaringen beispielsweise hat der Gemeinderat grünes Licht gegeben für Mehrfamilienhäuser in der Jakobstraße – eine Obstwiese muss dafür weichen. So wird die Natur außerhalb des Dorfes geschont.

Peter Steimle vor seinem Garten Im Stiegel: Dort gedeihen Gemüse, Obst und Blumen. Nur den ... Peter Steimle vor seinem Garten Im Stiegel: Dort gedeihen Gemüse, Obst und Blumen. Nur den Nussbaum gibt es nicht mehr: Der gewaltige Baum hat das Unwetter vom Juni nicht überlebt. Dass hier mal Bauplätze entstehen sollten, kann er nicht verstehen.Bilder: Schweizer

Andererseits setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Menschen sich irgendwo erholen müssen. In Berlin ist es so: Wer ein paar Tomaten, Gurken und Radieschen anpflanzen mag, kann sich auf dem alten Flughafen Tempelhof ein kleines Stück Land mieten. Auf diese Art und Weise ist dort ein großer urbaner Garten entstanden, vielseitig und bunt wie diese Stadt, und nur die Furcht, dass es eine kurze Idylle ist, die irgendwelchen Verwertungsinteressen zum Opfer fallen könnte, trübt die Stimmung.

Mössingen hat sich einen grünen Fußabdruck auf den Rathausplatz bauen lassen und seine Kreisverkehre mit Blümchen besät. Sie sind nicht so pompös wie die blühenden Laternenpfähle in Tübingen, dafür sollen sie Insekten besonders gut munden. Und selbst in kleinen Dörfern wie Nehren werden Grünzüge als solche ausgewiesen und damit langfristig gesichert – obwohl die Natur für die meisten Menschen nur einen Spaziergang entfernt liegt, im Kirschenfeld etwa, das sich jenseits der Bahnlinie den Hang hinaufzieht.

Die Gärten „Im Stiegel“ allerdings sind ein beliebter Ausflugsort für den benachbarten Kindergarten, erzählt Peter Steimle. Dass eine Frau in ihrem Garten Hühner hält, gefalle den Kleinen ganz besonders gut. Steimles Elternhaus stand ganz in der Nähe, er selbst wohnt inzwischen in einem neueren Baugebiet. Aber den Garten hat er behalten. Schade nur, dass der schöne alte Walnussbaum nicht mehr steht. Das Unwetter von Juni hat ihn gespalten, Baumkletterer aus Dußlingen mussten den Rest Stück für Stück absägen. Doch selbst ohne Nussbaum ist der Garten ein kleines Idyll geblieben. Just an der Stelle sollten vor vielen Jahren mal Bauplätze entstehen. Längst sind diese Pläne vom Tisch, die Gütlesbesitzer hätten sich damals gewehrt, erzählt Steimle. Lang ist es her – „bestimmt 25, 30 Jahre“. Nun ist es unwahrscheinlich, dass die Gärten Im Stiegel wieder für Häuser verplant werden. Denn just dieses Gebiet gilt als „Freiraum im Siedlungsbereich“. Als solchen hat Norbert Menz es im Landschaftsplan festgehalten.

Diese Plan wird parallel zum Flächennutzungsplan erstellt, den die Gemeinden Gomaringen, Dußlingen und Nehren gerade fortschreiben, zunächst jede Gemeinde für sich, dann gemeinsam als Verband. Der Flächennutzungsplan ist verbindlich, der Landschaftsplan nicht. „Aber eine Gemeinde muss ihn in einer Abwägungsentscheidung berücksichtigen“, erklärt Norbert Menz. Wenn es also eines Tages darum gehen sollte, was für oder gegen Bauplätze innerorts spricht.

Neun „Freiflächen im Siedlungsbereich“ gibt es in Nehren: Manche sind ohnehin tabu für Häuser – der Friedhof etwa. Andere liegen am Ufer des Obwiesbachs – beim Bahnhof und nahe des Kleintierzüchterheims. Genannt sind auch die Weihergärten, wo früher die Nehrener Burg stand, das Areal um die Kirche und die Streuobstwiesen hinterm Bundackerweg.

Öffentliche Grünflächen sind wenige dabei: eigentlich nur der Viehmarkt mit seinen schönen alten Bäumen und der kleine Spielplatz in der Bohlstraße. Fast alles andere ist in Privatbesitz und nur vom Weg aus zu betrachten. Wer kein Gütle hat, profitiert davon sprichwörtlich nur am Rande. Die „Ruhezonen“ zur Erholung lägen eher außerhalb des Dorfes, erklärt Norbert Menz. Und: „Dem Artenschutz ist es wurst, ob das privat ist oder nicht.“

31.08.2012 - 08:30 Uhr

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