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Das Dorf des Philosophen

Kompaktseminar für Hermann Strampfer und Joachim Walter

Es ist fast, als ob Nehren eine berühmte Stadt wäre: Welches Dorf kann schon von sich behaupten, einen echten Philosophen hervorgebracht zu haben? Auch sonst gibt es allerhand, mit dem die Gemeinde punkten könnte – wenn sie mehr Geld hätte. Regierungspräsident Hermann Strampfer erfuhr bei einem Rundgang, wofür Fördermittel willkommen wären.

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Gabi Schweizer

Nehren. „Wir tun so, als ob der Regierungspräsident da wäre“, witzelte Planer Hermann Schuler vor der großen Tafel in der Bubengasse, die die Dorfentwicklung zeigt. Hermann Strampfer nämlich sprach noch mit der Fernsehkamera – war aber wirklich vor Ort und bekam ein Kompaktseminar nicht nur über Hans Vaihingers Philosophie des Als ob, sondern über alles, was Nehren gerade bewegt und wofür er sich als Regierungspräsident einsetzen könnte. Gemeinderäte, Kulturschaffende, Geschichtsinteressierte, Naturschützer: Alle waren zur Begrüßung ins Bürgerhaus und zum Rundgang gekommen. Aber zunächst, mit träumerischer Leichtigkeit gespielt: Chopin.

„Jonas und das Engelwirtsklärle“ haben sich zum Kultur-Duo zusammengefunden – Jutta Fauser-Raff am Klavier (sehr schön auch: „Those Were the Days“), Jürgen Jonas, TAGBLATT-Mitarbeiter und Schriftsteller, als Vaihinger-Kenner am Mikrofon. Am 25. September 1852, vor ziemlich genau 160 Jahren, wurde Johannes Vaihinger in Nehren geboren. Er studierte in Tübingen, habilitierte in Leipzig und Straßburg, entwickelte eine Faszination vor allem für Kant. Der Schriftsteller Egon Friedell umschrieb Vaihingers Hauptwerk so: „Die Welt als Fiktion“ – wobei Fiktion für einen gewollten Fehler, einen bewussten Irrtum stehe. Jonas: „Jeder Mensch, der spricht, setzt symbolische Zeichen, nämlich Worte, für wirkliche Dinge.“ Und wenn das Dienstmädchen behaupte, die gnädige Frau sei nicht zu Hause, sei dies keineswegs eine Lüge: „Diese Auskunft will nur soviel besagen wie: Die gnädige Frau wünscht so behandelt zu werden, als ob sie nicht zu Hause wäre.“ Vaihinger gehört heute zu den eher vergessenen Philosophen, wenngleich er seinerzeit sehr geachtet war, beispielsweise mit Sigmund Freud und Albert Einstein korrespondierte. Die Briefe sind erhalten und noch vieles mehr: Der Tübinger Sprachwissenschaftler Gerd Simon hat ein umfangreiches Vaihinger-Archiv – das viele Nehrener, unter ihnen Jürgen Jonas und Bürgermeister Egon Betz – gern in der Gemeinde hätten. Genauer: im ehemaligen Rotkreuz-Häusle, das aber stark sanierungsbedürftig ist. Direkt neben dem Rathaus liegt das historische Gebäude, so heruntergekommen, dass es leer steht.

Noch ein „Problemfall“: der Schwanen nebenan, der zwar von außen schön aussieht, de facto aber ziemlich renovierungsbedürftig ist. Und wieder einmal ohne Wirtin: Sandra Piccione hat vor wenigen Tagen aufgegeben. Das Gebäude gehört der Gemeinde, aber ohne Pächter macht eine Renovierung keinen Sinn. Ein Gasthaus ist nicht nur fürs Dorfleben, sondern auch für den Tourismus wichtig. Kürzlich erst dachten die Gemeinderäte laut über einen Campingplatz nach. Und nun sinnierte Betz, vielleicht gelänge es ja, eine Brauerei zu finden, die einen Pachtvertrag abschließt. Welches Bier es auf jeden Fall geben sollte, ist schon klar: dasjenige, das nach dem Nehrener Brauereimeister und sozialen Wohltäter Ernst Wulle benannt ist.

Den Kindergarten in der Auchtertstraße hat Ernst Wulle seinerzeit gestiftet: Nun wird er erweitert, damit es in der Gemeinde künftig 40 statt 20 Betreuungsplätze für Kleinkinder gibt. Besonders gut ist Nehren bei der Ganztagsbetreuung aufgestellt – allerdings nur in den Kindergärten und in der Hauptschule, nicht in der Grundschule: Der entsprechende Antrag wurde bisher abgelehnt. Strampfer wusste bisher nur von Zahlen, die nicht erreicht würden. Dass dies nur auf einzelne Klassenstufen zutrifft, nicht aber auf die Anmeldungen insgesamt; dass für zweizügige Landschulen besonders harte Kriterien gelten; dass sich für Grundschulkinder damit eine Betreuungslücke auftut, die nur halbwegs gut situierte Eltern über das kostenpflichtige Kerni-Angebot füllen können – all das war ihm unbekannt. Nun hat Egon Betz einen Gesprächstermin auf dem Regierungspräsidium, Strampfer will herausfinden, ob es einen „Ermessensspielraum“ gibt, andernfalls die Landesregierung auf das Problem hinweisen.

200 000 Euro Sanierungsmittel für die Ortsmitte hat die Gemeinde noch, aber viele Projekte, für die sie sie ausgeben könnte. Im Falle der Flammer-Industriebrache könnte dies heißen: Die Gemeinde kauft das Gelände auf, reißt die alte Schlosserei ab und erschließt Bauplätze für Wohnhäuser. Alternativ könnte auch der Besitzer die Brache erschließen. Gleich daneben liegt das Hämmerle-Gelände, als Bolzplatz genutzt, dazwischen das Rilling-Areal. Auch hier: Strampfer bietet Gespräche an, sobald etwas klarer ist, was die jeweiligen Besitzer vorhaben – eventuell sind dann weitere Zuschüsse drin. Immer wieder betonte Strampfer, dass er Nehren auf dem richtigen Weg sehe, lobte das Konzept „Innen- vor Außenentwicklung“. Etwas anderes wäre den Nehrenern sowieso nicht übrig geblieben. Mit Südwest-Ehrenberg II wird gerade die letzte mögliche Baufläche erschlossen. Dennoch hofft der Bürgermeister auf weitere Einwohner, vor allem auf junge Familien, in der flächenmäßig kleinsten Gemeinde des Landkreises, mit unterdurchschnittlichen Gewerbesteuereinnahmen und überdurchschnittlichen Schulden: „Wenn einem die Quantität Grenzen setzt, muss man an der Qualität arbeiten“, findet er: Kinderbetreuung zählt er dazu, die Schulen, eine gute Verkehrsanbindung, die Natur.

Seit Kurzem zählt zur Infrastruktur Nehrens wieder ein Lebensmittelladen an der Wette: Die Sahins haben sich im ehemaligen Geschäft von Schreibwaren-Zürn eingerichtet, der seinerseits auf die andere Straßenseite gezogen ist. Darauf gab’s Häppchen und Sekt: Lange hat die Initiative „Rettet die Wette“ dafür gekämpft, dass sich in der Dorfmitte wieder ein Laden ansiedelt.

Wird Rotkreuz-Häusle genannt, obwohl es längst so baufällig ist, dass es weder fürs Rote Kreuz noch ... Wird Rotkreuz-Häusle genannt, obwohl es längst so baufällig ist, dass es weder fürs Rote Kreuz noch für sonst jemanden in Frage kommt: das teilverputzte Fachwerkgebäude zwischen Rathaus (rechts) und dem – wieder pächterlosen – Gasthof Schwanen. Eine Renovierung, das machte Bürgermeister Egon Betz deutlich, kann die Gemeinde nur mit Sanierungszuschüssen stemmen: Regierungspräsident Hermann Strampfer (rechts, im Gespräch mit Vize-Bürgermeister Werner Nill) und Landrat Joachim Walter (neben Strampfer) erfuhren gestern beim Dorfrundgang, dass das Häuschen sich prima für das Gemeinde- und das Vaihinger-Archiv eignen würde. Bild: Franke
10.10.2012 - 08:30 Uhr

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