Jürgen Jonas, Martin Schurr und die Witterung in der Literatur
Wenn Jürgen Jonas und Martin Schurr Kluges und Kurioses über das Wetter ankündigen, strömen die Nehrener ins Bürgerhaus, ob es nun regnet, stürmt oder – wie jetzt am Sonntag – lau und trocken ist.
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Susanne Mutschler
Gut beschirmt, auch vor stürmischem Applaus und Blitzlichtgewitter: Jürgen Jonas (links) und Martin Schurr bei ihrer Lesung im Nehrener Bürgerhaus. Bild: Faden
Nehren. Wettergespräche würden seit jeher als „die niedrigste Form der Kommunikation“ verunglimpft, wussten TAGBLATT-Mitarbeiter Jürgen Jonas und der Rezitator Martin Schurr. Auf der anderen Seite habe das Wetter schon immer als die „günstigste Basis für jegliche Unterhaltung“ gegolten.
Sie erinnerten an Robert Musil, der seinen Roman „Mann ohne Eigenschaften“ 1913 mit einem genauen Wetterbericht beginnen lässt. Schurr las daraus vom barometrischen Minimum über dem Atlantik, das ostwärts wandert, und von Isothermen und Isotheren, die ihre Schuldigkeit getan haben. Im Roman „Die Sprache des Windes“ (von Scott Huler) verwandle ein Admiral aus dem 19. Jahrhundert die Beaufort-Skala der Windgeschwindigkeiten in Poesie.
Das Wetter sei zwar nicht wichtig, aber – so zitierte Jonas den 1959 urteilenden Autor Hans Reimann – „fast so interessant wie Nikita Chruschtschow“. Der Münchner Komiker Karl Valentin habe sich mit seiner ihm eigenen Logik auch über das schlechte Wetter gefreut: „Wenn ich mich nicht freue, ist es trotzdem schlecht.“
„Darf der Gebildete nicht mehr ungefragt übers Wetter sprechen?“, habe sich schon Wilhelm Busch überlegt. Heinrich Heine habe seinen Tischnachbarn, der ständig von der „schönen Witterung“ plapperte, nur deshalb nicht in ein Gespräch verwickelt, weil jener die Karpfen austeilte und er nicht zu kurz kommen wollte. Zwischen solchen weit gespannten Überlegungen bewegten sich die kulturkuriosen Wetterkapriolen von Jonas und Schurr.
Das Publikum erfuhr, dass Goethe ein großer Wetterkundler war und sein Poem von der Meeresstille mit der Seekrankheit des Verfassers auf der Überfahrt von Sizilien zusammenhing. Und es nahm zur Kenntnis, dass auf der Welt ständig simultan 20 000 Gewitter stattfinden, dass Friedrich Schiller von seinem Verleger Cotta angeraten wurde, einen Blitzableiter an sein Haus zu bauen oder dass sich Jean Paul für seine täglichen Wetterbeobachtungen eine eigene Frosch- und Fliegenzucht hielt.
Nach langen Schlechtwetterperioden könne plötzlicher Sonnenschein dazu führen, dass die Leute das nicht mehr aushalten und „seelisch ausfransen“, warnte Schurr. Er riet in solchen Fällen, die Dusche als Regensimulator zu nutzen, Vorhänge mit Tropfenmuster zu wählen und zur eigenen Aufheiterung vorsorglich über das Wetter zu schimpfen. Die Steinlach Stompers begleiteten den Abend mit einer eigenen Auswahl an wetterfester Musik. Die digitalen Luftbilder des Posaunisten Herbert Göhner gaben einen Eindruck, wie heiter Nehren bei gutem Wetter von oben aussieht.
Seit der frühesten Erwähnung von Nehren 1086 habe es „über alle die Jahre Wetter gegeben“, sinnierte Jonas, aber nur manchmal wurde die lokale Wetterlage im Steinlachtal von aufmerksamen Beobachtern dokumentiert. Aus der Köhlerschen Chronik wusste Jonas von einem grässlichen Sturm 1721, der die Nehrener Bäume entwurzelte, ein Kind in der Wiege mitriss und eine Kuh samt melkender Magd umwarf.
Riesige Hagelkörner vernichteten die Ernte
Er berichtete von riesigen Hagelkörnern, die 1853 die Ernte vernichteten und von einem gewaltigen Gewitter, das 1975 das Umspannwerk beschädigte und das Licht im Festzelt der Musiker auslöschte. Auf seinen Wanderungen über die Alb habe der Tübinger Oberjustizrat Karl Mayer (1786 – 1870) nicht nur unablässig gedichtet, sondern auch das örtliche Wetter aufgeschrieben.
Gustav Schwab und die „Schirmscheißer“
Gustav Schwab (1792 – 1850), Pfarrer in Gomaringen und auf seinen ausgedehnten Spaziergängen nie ohne Regenschirm unterwegs, sei 1838 von einem Unwetter über Tuttlingen zu dem melodramatischen Gedicht „Das Gewitter“ inspiriert worden. Jenes sei später vor allem über seine Parodien unsterblich geworden, erklärte Jonas und las die von Heinz Ehrhardt umgedichtete Version. Auch der aus Ofterdingen stammende Oberhofprediger Karl Gerok (1815 – 1890), der bei einem Regenschauer einer Sängerin den Schutz seines Schirms anbot, berichtete von dieser galanten Begegnung in flüssigen Versen.
Weniger charmant im „Regenschirm-Sonderkapitel“ war die Erklärung der Herkunft des Ortsnamens „Schirmscheißer“, der den Mössingern anhaftet, weil sich einer von ihnen, nach übermäßigem Most- und Zwiebelkuchengenuss, auf einer Wiese unter seinen Schirm kauerte, um sich zu erleichtern – und dabei ausgerechnet von einem Belsener beobachtet wurde.