Die Nehrener haben es geschafft: Binnen weniger Wochen haben sie fast 120 000 Euro an Spenden für schnelles Internet aufgetan – die Telekom verlangte Geld, damit der Vertrag sich für sie rentiert. Diesen schließt sie nicht mit der Gemeinde ab, sondern mit der Frauenhoffer Stiftung. Und das mit gutem Grund.
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Nehren. Sogar auswärtige Firmen haben gespendet: Einige ihrer Angestellten arbeiten von daheim aus, was, wenn dieses „Daheim“ in Nehren liegt, bedeutet: mit einem ISDN-Anschluss. Also quasi im Schneckentempo. Das soll sich nun ändern, mit Hilfe von Spenden und einer gemeinnützigen Stiftung.
115 000 Euro waren die Zielmarke. Würde innerhalb von zehn Wochen so viel Geld zusammenkommen? Bürgermeister Egon Betz wagte es kaum zu glauben, wie er gestern bei einem Pressegespräch im Rathaus gestand. Doch nach einer Bürgerinformationsveranstaltung lagen stapelweise Briefe im Kasten. Täglich summierten sich die Spendenzusagen auf über tausend Euro. Mittlerweile sind Zusagen über fast 120 000 Euro eingegangen – von Firmen, Privatleuten und Vereinen. Was über den mit der Telekom vereinbarten Betrag hinausgeht, fließt in die Frauenhoffer Stiftung – oder, wenn es viel sein sollte, in eine noch bessere technische Ausstattung.
115 000 Euro nur für schnelles Internet: Könnte man das Geld nicht besser verwenden? Diese Bedenken hat Betz auch gehört. „Aber ich konnte sie jedes Mal entkräften.“ Gerade in ländlichen Gemeinden fließe immer privates Geld in die Internet-Versorgung, sei es, wie in Nehren, in Form von Spenden oder in Form von Steuergeld. Es gibt ja durchaus Förderprogramme, wenngleich ein Gesetz, nach dem die Breitbandversorgung als Grundrecht eines jeden Bürgers angesehen worden wäre, im Bundestag nicht durchging.
Franz Frauenhoffer, der wie seine Frau viel Freizeit in seine Stiftung investiert und gerade 94 Initiativen unterstützt, bedauert das sehr. Auch Betz erklärte, warum das Internet immer wichtiger wird – nicht nur für die Jungen. In seiner eigenen Verwandtschaft haben Großeltern sich einen Laptop gekauft, damit sie mit den in aller Welt verstreuten Enkeln skypen können. Betz weiß von Nehrenern, die ihre Wohnungen nicht vermietet kriegen, weil es am schnellen Internetzugang mangelt. Zwar haben viele Haushalte einen Breitbandanschluss, weil sie einen Vertrag mit Kabel BW abgeschlossen haben. Dies mussten sie jedoch komplett auf eigene Kosten tun – wie hoch die sind, hängt extrem von der Wohnlage ab.
Schon seit 2008 setzt sich der Nehrener Herbert Nemeczek für eine flächendeckende Breitbandversorgung in seinem Dorf ein. Parallel versuchte Andreas Wagner ab 2009 dasselbe. Die Bemühungen beider waren zunächst vergeblich. Die vielen bereits vorhandenen Kabel BW-Anschlüsse machte Nehren für Firmen zusätzlich unattraktiv. Und Fördergelder helfen nicht immer weiter: „Es gibt Gemeinden, da liegen kilometerweit Leerrohre in der Straße, aber sie finden keinen Provider“, weiß Wagner.
Stiftung bietet
mehr Freiheiten
Mit der Bürgermeisterwahl vor einem knappen Jahr kam Bewegung in die Sache. Da trafen sich nämlich zwei alte Kollegen wieder: Herbert Nemeczek, Leiter des Rechenzentrums an der Reutlinger Hochschule, und Egon Betz, ehemals in der gleichen Position an der Rottenburger Hochschule für Forstwirtschaft. Als Privatleute verfolgten die beiden und Wagner schließlich den Plan, der am aussichtsreichsten erschien, nämlich mit der Franz & Regine Frauenhoffer Stiftung zusammenzuarbeiten.
Der größte Vorteil ist, dass die Stiftung das Preis-Leistungs-Verhältnis abwägen kann und nicht gezwungen ist, das billigste Angebot anzunehmen. Eine Gemeinde, die Steuergelder verwendet, müsste dies tun. Im Extremfall bekäme sie dann aber nur zwei Megabit Leistung – das gilt als Minimum. In Nehren sollen es aber fünf bis 50 Megabit werden.
Außerdem gefällt Nemeczek die Idee, dass innerhalb eines Jahres alles unter Dach und Fach ist. Bis Ende 2012 will die Telekom Glasfaserkabel verlegen, acht sogenannte Outdoor-DSlams einrichten und die Haushalte damit verbinden. gs