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Europa vor der Haustür

Evelyn Walker aus Nehren organisiert eine multikulturelle Pfadfinder-Freizeit

Polnische, französische und deutsche Jugendliche sind im August gemeinsam zwischen Bempflingen und dem Reutlinger Listhof unterwegs. Mit dabei: Evelyn Walker aus Nehren. Im TAGBLATT-Gespräch erklärt sie, was sie an den Pfadfinder-Freizeiten gerne mag und was eine Juleika ist.

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Jürgen Jonas

Nehren. Nöö, mit dem Fähnlein Fieselschweif hat das nichts zu tun. Der Bund deutscher Pfadfinder hat sich längst gelöst von bemoosten Traditionen. In der Kluft ziehen sie längst nicht mehr los, kurzbehost und dickbestrumpft, mit Koppelschloss, Klampfe und Zitronenpressenhut. Wo Evelyn Walker eine Freizeit organisiert, duftet es nicht nach Maggisuppe, die im Kessel überm Lagerfeuer in der Waldeinsamkeit blubbert.

Evelyn Walker Bild: Jonas Evelyn Walker Bild: Jonas

Evelyn Walker ist 23 Jahre alt. Geboren ist sie in Filderstadt, als sie zehn Jahre alt, kam sie mit den Eltern, die eine Firma für Karosseriebau betreiben, nach Nehren. Sie selbst hat keinen Führerschein. Und fühlt sich ganz wohl dabei. Durch einen Lehrer am Karl-von-Frisch-Gymnasium, wo sie Abitur gemacht hat, ist sie auf die Pfadfinder-Organisation aufmerksam geworden, hat in einem Sommer mal eine Fahrrad-Tour nach Slowenien mitgemacht. Später mehr tolle Reise-Sachen erlebt. Im slowenischen Triglav-Nationalpark. In den rumänischen Karpaten. Trekking durch Kroatien. Inzwischen studiert sie, seit zwei Jahren, in Würzburg, Pädagogik und Sonderpädagogik.

In der Bildungsstätte des Landesverbandes der Pfadfinder in Bempflingen-Kleinbettlingen hält sie sich öfter auf. Dort hat sie nämlich eine Juleika erworben. Eine Jugendleiterkarte. Schulungen, mit deren Inhalten sie selbst Touren leiten kann. Selbstständig arbeiten, Teamer werden, dazu werden Pfadfinder angehalten. In einem Arbeitskreis werden jedes Jahr über 60 Freizeiten in ganz Europa organisiert.

Gerade hat sie ein Kochseminar mitgemacht. Polenta mit Pilzsauce wurde zubereitet. Vegetarische Grünkern-Bolognese. Dazu ein „Erdbeertraum“ und Tiramisu. Vegetarische Ernährung wird bevorzugt. Walker setzt sich gerade mit dem Thema Vegetarismus und Veganismus auseinander.

Und was sind die Pfadfinder? „Das Leitbild der...“ Nein, „Leitbild“ mag sie gar nicht so gern sagen. Das Wort nimmt sie wieder zurück. Erinnert zu sehr an „Leitkultur“, ein Begriff und Sachverhalt, mit dem sie wenig anfangen kann. Die PfadfinderInnen, zu denen sie sich rechnet, sind antirassistisch und antifaschistisch. Allerdings nicht parteipolitisch gebunden. Und unkonfessionell sowieso. Man geht gleichberechtigt und respektvoll miteinander um. Das ist verpflichtende Voraussetzung. Tut etwas „für eine gerechtere und lebenswertere Welt“. Die Pfadfinder arbeiten auch mit der BUND-Jugend zusammen.

Ein „bunter Verband“, der durch die Jugend- und Studentenbewegung der 60er-Jahre geprägt wurde, auch von den Anti-Atom-Kampagnen und der Friedensbewegung. Viele Gymnasiasten und Studenten sind aktiv. Walker (und nicht nur sie) sähe es aber auch gern, wenn Jugendliche mit anderen Schulerfahrungen oder Auszubildende dabei wären oder auch solche, in deren Familien ökologisches Denken nicht im Vordergrund steht.

In dieser Form von Kulturaustausch sieht sie einen Weg, Hemmungen und Vorurteile zwischen den Menschen abzubauen. In Würzburg hat sie sich überlegt, wie sie die Flüchtlinge aus dem Iran, die sich dort in der Innenstadt im Hungerstreik befinden, unterstützen kann. „Sonst verliert man seine Stimme!“ „Den Kopf einschalten!“ und „es sich nicht einfach machen“, nach solchen Vorgaben handelt sie.

Und was macht sie in ihrer Freizeit? Lesen. Viel lesen. Sie interessiert sich für Philosophie. Besucht etwa Vorlesungen zum Thema Zeit. Hat gerade in den Konstruktivismus hineingeschnuppert. Versucht, selbst Geschichten mit philosophischem Hintergrund zu schreiben. So etwa in der Art von „Sofies Welt“.

Jetzt wird es erstmal praktisch. Mit drei anderen Ehrenamtlichen aus Tübingen, Frankreich und Polen hat sie eine Begegnung von polnischen, französischen und deutschen Jugendlichen organisiert. Wer hat für Anfang August noch nichts vor? Genauer vom 1. bis 11. August. In der Bildungsstätte in Bempflingen beginnend. Zehn Tage wollen sie in der Gegend unterwegs sein. Im Klettergarten beim Lichtenstein. Beim gemeinsamen Kochen von Spezialitäten aus den jeweiligen Ländern, Bouillabaisse und Bigos und Piroggen. „Spaß und Action sind bei uns kein Problem“. Dann gibt es an vier Tagen einen Workcamp-Einsatz auf dem Reutlinger Listhof, einem Umweltbildungszentrum, wo man tüchtig mit anpacken kann. Dort wird auch im Zelt am Lagerfeuer übernachtet. Polnische und französische Sprachkenntnisse sind nicht unbedingt erforderlich, können natürlich nicht schaden.

Und eine Riesenstange Kohle ist auch nicht nötig, die zehn Tage, mit Ausflügen und allem, gibt es zum Preis von 150 Euro. Es sind noch Plätze frei. Evelyn Walker freut sich.

Info: Anmeldung bei BDP AK Ökologische Freizeiten, Grafenberger Straße 25, 72658 Kleinbettlingen, Telefon 0 71 23 / 3 60 65 65, info@ak-freizeiten.de, www.ak-freizeiten.de

Was ist der BDP? – Ohne Kluft, mit vielen Freizeiten
Der Bund Deutscher PfadfinderInnen (BDP) ist ein bundesweit vertretener Pfadfinderbund/Jugendverband mit Sitz in Frankfurt am Main. In Baden-Württemberg hat der Verein seinen Sitz mit Bildungsstätte in Bempflingen, Kreis Esslingen. Der BDP sieht sich selber als „kleiner, aber feiner Jugendverband“. „Wir sind die ohne Kluft“ lautet oft die verkürzte Selbstdefinition der Aktiven, hinter der sich eine bewegte Geschichte verbirgt. 1948 wurde der BDP als ein traditioneller, überkonfessioneller Pfadfinderverband gegründet.
Der BDP Baden-Württemberg ist heute vor allem im Bereich der Freizeitenarbeit aktiv. Über 200 Ehrenamtliche organisieren pro Jahr über 60 Zeltlager, Trekkingfreizeiten und Workcamps in ganz Europa. Aktiv ist der BDP auch im Bereich der Aus- und Weiterbildung.


21.07.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 04.03.2013 - 17:27 Uhr

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