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Keine Angst, Rosmarie

Von Schellack-Prinzen und Zigeunerjungen

Nein, politisch korrekt ging es am Sonntagabend im Kusterdinger Gemeindepflegehaus nicht zu. Stattdessen feierte die gute alte Zeit des deutschen Schlagers fröhliche Urständ. Nicht ironisch-distanziert wie bei einem Dieter-Thomas-Kuhn-Konzert, nicht als moderne Adaption wie bei der Elektropop-Frauenband Laing, die vergangenen Monat mit dem Trude-Herr-Titel „Morgens immer müde“ die Charts enterte, auch nicht als Vorlage für trashige Belustigung. Stefan Marschall (kein Künstlername!

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) aus Reutlingen nimmt den deutschen Schlager ernst. Im Hauptberuf in der PR-Branche tätig, hat er für sein Hobby eine Art Zweitverwertung entdeckt. Seit einigen Jahren tritt er in Senioreneinrichtungen auf und zeigt dort Ausschnitte aus alten Revue- und Schlagerfilmen der 1930er- bis 1960er-Jahre.

Artikelbild: Von Schellack-Prinzen und Zigeunerjungen

„Wenn ich in die Gesichter schaue, dann sehe ich, wie glücklich die Leute sind“, beschreibt er seine Motivation. Seine eigene Prägung auf deutsches Liedgut führt er auf die Kindheit zurück. In Ravensburg, wo er aufwuchs, war im Radio der österreichische Rundfunk zu empfangen. Speziell die Schlagersendungen am Wochenende, die seine Oma anhörte, hätten seine Begeisterung früh entfacht, erzählt er. Wahrscheinlich zuckt man mit dieser musikalischen Biografie nicht einmal innerlich, wenn man Alexandra vom „Zigeunerjungen“ schwärmen lässt, Conny Froboess singt „Man muss mit Fassung tragen, dass es die Liebe gibt“ und der „Schellack-Prinz“ Eric Helgar barmt: „Du bist zu schön, um treu zu sein.“

40 Zuhörerinnen und Zuhörer beteiligten sich in Kusterdingen überwiegend kundig am kleinen Quiz, das in Marschalls Präsentation eingebaut war. Nach jedem Einspielfilm erschien ein Bild des nächsten Schlagerstars, der zumeist rasch erraten war. Freddy Quinn, Peter Alexander, Paul Hörbiger, Johannes Heesters, Hans Albers, Zarah Leander, Marika Rökk, Heino und Roy Black wurden mit einer Kurzbiografie und einem ihrer größten Hits präsentiert.

Eine zeitgeschichtliche Einordnung der Künstler und ihrer Werke fand nicht statt. So hörten die Zuhörer zwar, dass Rudi Godden früh verstarb und deshalb weniger bekannt geworden sei – „an seinem Talent lag es nicht“. Von seiner Mitwirkung in der antisemitischen Musikkomödie „Robert und Bertram“ aus dem Jahr 1939 erfuhren sie indessen an diesem Abend nichts.

Nein, politisch korrekt ging es am Sonntagabend nicht zu. Aber wie hieß es doch so schön in der Zugabe: Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern. Im Dezember hat Marschalls drittes Schlagerprogramm Premiere in Reutlingen. Keine Angst, Rosmarie! Stephan Gokeler

20.11.2012 - 08:30 Uhr

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